Anker der Identität – Kirchen und Klöster


Die Benediktinerabtei in Tholey
Die Benediktinerabtei und der „Alte Turm“ in Mettlach
Die Kapelle St. Joseph in Mettlach
Die Klosterruine Wörschweiler
Die Klosterruine Gräfinthal
Die Abtei Wadgassen
Der „Saardom“ in Dillingen
Die Wendalinusbasilika in St. Wendel
Das Missionshaus in St. Wendel
Die Schlosskirche in Blieskastel
Die Stephanuskirche in Böckweiler
Die Bergbaukirche St. Hildegard in St. Ingbert
Die Schinkelkirche in Bischmisheim
Die Stiftskirche St. Arnual
Die Deutschherrenkapelle in Saarbrücken
Die Ludwigskirche und der Ludwigsplatz in Alt-Saarbrücken
Die Friedenskirche in Saarbrücken
Die Basilika St. Johann in Saarbrücken
Die Pfarrkirche Maria Königin in Saarbrücken
Die Pfarrkirche St. Albert in Saarbrücken
Die Pfarrkirche St. Peter in Merzig

 



Die Benediktinerabtei in Tholey

Im nördlichen Saarland hinterließen vor allem im Landkreis St. Wendel bereits Kelten und Römer ihre Spuren, wie römische Siedlungsreste um Tholey und aktuelle Ausgrabungen im gallo-römischen vicus Wareswald belegen. Auch das Benediktinerkloster und die Kirche des Hl. Mauritius stehen auf geschichtsträchtigem Boden: Anfang des 7. Jahrhunderts wurde eine rechteckige Kirchenanlage erbaut, wobei Reste einer römischen Poststation, die zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert an der Handelsstraße Metz–Mainz bestand, in den Kirchenbau integriert wurden. Da einst eine sehr weitläufige römische Anlage auf dem Gelände bestand, vermuten Archäologen auf dem Terrain auch eine große öffentliche Anlage (z.B. Bäderanlage).

Abtei Tholey Wagner 1 2 kleinDie Kirche wurde erstmals im Jahre 634 im Testament des fränkischen Adeligen Adalgisel Grimo erwähnt, der die klösterliche Hinterlassenschaft den Bischöfen von Verdun und Trier vermachte. Der fränkische Diakon gilt als Gründer der Abteikirche. Ob die ansässige Gemeinschaft von Beginn an nach dem Kanon der Benediktiner-Chorherren lebte, ist umstritten. Vermutlich handelte es sich zunächst um ein Kollegiatstift, das erst im 10. Jahrhundert unter Abt Bernhardus (947–972) zu einem Kloster der Benediktinermönche wurde. Da um 750 die Kirche um eine rechteckige Choranlage erweitert wurde, könnte die Reorganisation zugunsten der Benediktiner aber auch bereits im 8. Jahrhundert vorgenommen worden sein.

Aufbau und Zerstörung prägten die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts: Ein Neubau wird 1230 zerstört, worauf sechs Jahre später erneut eine Bebauung mit apsidialem Chor begonnen wird. Auch dieser Bau wurde nicht vollständig ausgeführt. Der Baubeginn der heutigen Abteikirche ist auf das Jahr 1264 datiert. Um 1302 wurde das Bauwerk vollendet und diente seither als Abtei- und Wallfahrtskirche. Die frühgotische Basilika ist eine Langhauskirche, bestehend aus drei Längsschiffen mit jeweils sechs Jochen. Der mächtige Westturm mit seinem barocken Turmhelm prägt heute noch das Ortsbild.

In Anlehnung an den Besitzverzicht der Mönche wurde auch bei der Gestaltung der Kirche auf aufwendige Bauzier verzichtet. Womöglich wurden Teile des Vorgängerbaus in den letzten Neubau des 13. Jahrhunderts integriert. Gotische Züge erhielt die Abteikirche vor allem durch äußere Strebepfeiler, im Inneren durch Kreuzrippengewölbe, Dienste, Bündelpfeiler, spitzbogige Arkaden und Maßwerkfenster. Rundbogen im Obergaden (Obergeschoss einer architektonischen Wandgliederung, hier: durchfensterter Teil des Mittelschiffs) weisen noch auf die romanische Bautätigkeit hin. An die Nordfassade des Westturmes sowie an die südliche Langhausseite schließen sich die noch erhaltenen Klostergebäude an. Deutliche architektonische Übereinstimmungen lassen sich zu den Trierer Kirchen St. Maximin und Liebfrauen erkennen.

Abtei Tholey Gemeinde 3 4 5 kleinMit dem Anschluss an die Bursfelder Kongregation Ende des 15. Jahrhunderts begann für die Abtei eine Blütezeit, die bis zum Ausbruch der Französischen Revolution andauerte. Der Dreißigjährige Krieg brachte die ersten Zerstörungen durch Brandschatzung und Plünderung mit sich, was zu einem Neubau veranlasste. Nach den Plänen des Architekten Pierre le Noir entstand ab 1722 ein barocker Neubau. Die barocke Turmhaube, das Chorgestühl und das Orgelprospekt stammen ebenfalls aus der Zeit des 18. Jahrhunderts.

Im Zuge der Französischen Revolution fand das monastische Leben 1794 in Tholey ein Ende. Die Abtei wurde aufgehoben, Kirche und Abteigebäude wurden daraufhin versteigert. 1806 kaufte ein Tholeyer Bürger die noch erhaltenen Gebäude des Klosters und übergab sie als Schenkung der Gemeinde. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurde die Abtei durch Papst Pius XII. wieder aufgebaut und von dem Benediktinerorden St. Matthias in Trier ab 1950 als Konvent genutzt.

Von den ursprünglichen Klostergebäuden sind der Ostflügel aus dem 13. Jahrhundert und der Flügel an der nördlichen Turmseite aus dem 16. Jahrhundert erhalten. Im Jahr 2009 wurden umfangreiche Sanierungsarbeiten an der Abtei geleistet, die auch die Neugestaltung des Klostergartens einschlossen. Heute leben in der Abtei Tholey noch zwölf Benediktinermönche gemäß den Leitsprüchen „Fide et patientia“ (In Glaube und Geduld) und „Ora et labora“ (Bete und arbeite). Der Kontemplation der Benediktiner können sich auch Pilger und religiöse Besucher im Gästehaus St. Lioba anschließen.


Text:
Tanja Kaiser (Überarbeitung: Isabelle Jost)

Fotos:
Juan Manuel Wagner (obere zwei Fotos), Gemeinde Tholey (übrige Fotos)

Weiterführende Literatur:
REICHERT, Franz-Josef (1961): Die Baugeschichte der Benediktiner-Abteikirche Tholey. Saarbrücken. (= Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Band 3). zum Online-Shop
REICHERT, Franz-Josef (1987): Die Benediktinerabtei St. Mauritius zu Tholey. Neuss. (= Rheinische Kunststätten, Heft 321).
SKALECKI, Georg (1997): Die Benediktinerabtei St. Mauritius – Tholey (Saarland). Saarbrücken. (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals“ 1997). Datei zum Download (PDF)
ZIMMERMANN, Walther (1934): Die Kunstdenkmäler der Kreise Ottweiler und Saarlouis. Herausgegeben von der Saarforschungsgemeinschaft mit Unterstützung der Kreise. Bearbeitet von Walther Zimmermann mit einem Beitrag von J.B. Keune. Düsseldorf.

zum Seitenanfang


 
Die Benediktinerabtei und der „Alte Turm“ in Mettlach

Bereits in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts gründete der fränkische Adelige Lutwinus, später Erzbischof von Trier, die Benediktinerabtei Mettlach. Schon kurz nach der Gründung des Klosters wurde die Bautätigkeit von Klostergebäuden, der Patronatskirchen St. Peter und St. Marien sowie des dem Dionysius (erster Bischof von Paris) geweihten Oratoriums vorangetrieben. Im Jahr 705 wurde Lutwinus zum Erzbischof von Trier ernannt und vermachte die Abtei dem Trierer Bistum, wodurch er als Erzbischof in Personalunion zugleich das Amt des Abtes in Mettlach übernahm.

Abtei Mettlach Falk 1 kleinAb dem 10. Jahrhundert blühte die Abtei regelrecht auf: Neue Klostergebäude und Kirchen wurden errichtet, darunter auch die durch Abt Lioffin um 990 erbaute Grabkirche für Lutwinus – diese stellte einen Neubau der Marienkirche als Nachfolgebau der ersten Patronatskirche dar – sowie ein Neubau der Hauptkirche St. Peter. Die Klostergebäude bestanden bis zum 18. Jahrhundert, die Peterskirche bis 1819, jedoch litten die Gebäude sehr unter den Beeinträchtigungen des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) und den Auseinandersetzungen im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697). Über das Aussehen der mittelalterlichen Klostergebäude ist nur wenig bekannt.

Der Baubeginn für das heutige Abteigebäude wird um 1727/28 vermutet, als die Planungsarbeiten unter Abt Ferdinand de Koeler begannen. An dem ersten Plan für die Benediktinerabtei St. Peter und Maria war zunächst der Baumeister der Abtei Wadgassen, Bernhard Trabucco, beteiligt. Anschließend oblag die Bauleitung Christian Kretzschmar, einem namhaften sächsischen Architekten. Der barocke, 112 Meter lange Westflügel wird von zwei dreiachsigen Pavillons flankiert und mittig durch einen vortretenden Pavillon mit festlicher Portalfassade betont. Die Portalarchitektur der Mettlacher Abtei zählt zu den schönsten des deutschen Barock. Der Westflügel ist zweigeschossig angelegt und wird von einem Mansarddach abgeschlossen. Die Rhythmisierung des Flügels ist symmetriegebunden und kulminiert in der schwungvollen Portalachse des Mittelpavillons.

Abtei Mettlach Slotta 1 kleinAbtei Mettlach Slotta 2 kleinDurch die Uferlage an der Saar erreichte der Architekt Christian Kretzschmar eine eindrucksvolle Spiegelung im Wasser. In diesem „Saarflügel“ befanden sich der Kapitelsaal und die Wohnung des Abtes sowie das Refektorium, dessen aufwendige Stuckdecke sowohl nach dem Brand 1921 als auch nach den Beschädigungen des Zweiten Weltkrieges behutsam restauriert wurde. Im Nordflügel hat der Abtsaal mit dem prachtvollen Kamin seine barocke Ausstattung behalten.

1792 kam es zu ersten Plünderungen durch französische Revolutionstruppen und damit einhergehend zur Flucht der Mönche nach Trier. Die nur schleppend vorangegangenen Baumaßnahmen mussten mit Beginn der Belagerung durch französische Truppen endgültig beendet werden. Der Konvent wurde nach dem Friedensvertrag von Lunéville 1802 aufgelöst und säkularisiert. Der französische Staat beschlagnahmte die Klostergebäude. 1809 erwarb der luxemburgische Geschäftsmann Jean-Francois Boch (1782–1858) die Abteigebäude zur Gründung einer neuen keramischen Steingutfabrik in Mettlach. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden auf dem Abteigelände großflächig Fabrikhallen errichtet, was bereits auf die frühe expandierende Entwicklung des Unternehmens „Villeroy & Boch“ hindeutet.

Von den mittelalterlichen Abteigebäuden ist lediglich der sogenannte „Alte Turm“ der Marienkirche erhalten geblieben. Die durch Abt Lioffin errichtete ottonische Grabkirche ist der älteste erhaltene Sakralbau im Saarland. Der „Alte Turm“ wurde als zweigeschossiger, oktogonaler Zentralbau mit sechs halbrunden Nischen angelegt und war einst durch einen Gang mit der Peterskirche verbunden. In der Baugliederung sind klare Bezüge zum Aachener Dom (Ende 8. Jahrhundert) festzustellen. Ursprünglich schlossen im Osten ein Rechteckchor und im Westen ein Langhaus mit drei Jochen an das Oktogon an Im Jahre 1247 wurde ein Wendeltreppenhaus angebaut. Umsichtige Restaurierungsarbeiten im 19. Jahrhundert erhielten dem Bau seine Würde.

Abtei Mettlach Falk 2 kleinAbtei Mettlach Brunnen Slotta kleinDer südliche Bereich des barocken Klostergartens wurde ab etwa 1840 in einen Englischen Landschaftspark nach Plänen des Münchener Gartenbauinspektors Ludwig Karl Seitz umgewandelt. Neben seinem historischen Baumbestand, dem „Alten Turm“ und dem Langweiher, hat der Park zahlreiche Fragmente aus dem Kreuzgang, Sarkophage und Kapitelle aufzuweisen. Erwähnenswert ist auch der gusseiserne Brunnen, ein Geschenk des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. an die Familie Boch. Der zweischalige Brunnen aus dem Jahr 1838 wurde nach einem Entwurf Karl Friedrich Schinkels gefertigt. Nach einem Besuch der Keramikwerke setzte sich Schinkel für den Erhalt des „Alten Turmes“ ein, der in das romantische Konzept des Gartens integriert wurde.

Bis heute ist in der alten Benediktinerabtei Mettlach der Hauptsitz des Weltunternehmens Villeroy & Boch AG untergebracht und umfasst neben der Verwaltung auch das Keramikmuseum mit Museumscafé, die Keravision, die Erlebniswelt Tischkultur und das Infozentrum.


Text:
Tanja Kaiser (Überarbeitung: Isabelle Jost)

Fotos:
Jens Falk (oberes Foto und unteres Foto links), Delf Slotta (übrige Fotos)

Weiterführende Literatur:
http://m.kunstlexikonsaar.de/merzig-wadern/mettlach/artikel/-/mettlach-alter-turm (Artikel „Mettlach – „Alter Turm“ – Abtei St. Peter“ von Isolde Köhler-Schommer).
JAKOBS, Ingrid (1995): Die Benediktinerabtei in Mettlach. Christian Kretzschmar, Steinhauer und Baumeister des 18. Jahrhunderts in Kurtrier. Saarbrücken. (Kunsthistorische Reihe des Landesinstituts für Pädagogik und Medien).
KLEWITZ, Martin (1977): Mettlach. Ehemalige Benediktinerabtei. 3. Auflage, München. (= Große Baudenkmäler, Heft 173).
SCHMAL, Hildegard (2000): Die Gründung des Klosters Mettlach und der „Alte Turm“. Köln. (= Veröffentlichung der Abteilung Architekturgeschichte des Kunsthistorischen Instituts der Universität zu Köln, Band 73).
SKALECKI, Georg (1997): Benediktinerabtei Mettlach – Mettlach (Saarland). Saarbrücken. (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals“ 1997). Datei zum Download (PDF)

zum Seitenanfang


 
Die Kapelle St. Joseph in Mettlach

Die neogotische Kapelle St. Joseph in Mettlach (Neogotik = frühe stilistische Unterart des Historismus) befindet sich in der Bahnhofstraße, in unmittelbarer Umgebung des DRK-Krankenhauses, nur einen kurzen Fußweg von der Abtei entfernt, von wo aus heute der Blick auf die Kapelle aufgrund des Fabrikausbaus an der Abtei verwehrt bleibt. Ursprünglich wurde das frühhistoristische Kleinod 1864 als Gedächtniskapelle für Henry Thierry errichtet, den verstorbenen Ehemann von Madame Céphalie Thierry (1799–1870), geb. von Lasalle. Die Kapelle wurde zunächst auf dem Grundstück des Schlosses Villeroy de Galhau in Wallerfangen erbaut. Die Planung oblag dem in Ottweiler geborenen Architekten Franz Georg Himpler (1833–1916), der sich nicht nur im Saarland einen Namen machte, sondern auch in den USA tätig war, wo sein Schaffen bereits zu seinen Lebzeiten gewürdigt wurde. Himpler setzte mit dem Bau von St. Katharina in Wallerfangen die erste historistische Pfarrkirche an der Saar um. Auch die Architektursprache von St. Joseph lässt es zu, den Bau dem Frühhistorismus zuzuordnen.

St. Joseph 4Die einstige Hauskapelle des Schlosses Villeroy de Galhau nutzten auch Borromäerinnen des nahe gelegenen Wallerfanger Krankenhauses für Gebet und Gottesdienste. Als das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern durch den entfernteren Neubau des Nikolaushospitals ersetzt wurde, bestand aufgrund der entstandenen Entfernung zur Kapelle kein Nutzungsbedarf mehr. 1857 gründeten Octavie, geb. Villeroy, und ihr Mann Eugen von Boch in Mettlach ein Krankenhaus, das ebenfalls den Borromäerinnen unterstand. Da das Mettlacher Hospital keine Hauskapelle besaß, stellte der damalige Besitzer von Schloss de Galhau, Ernest Villeroy, das Eigentum seinem Onkel Eugen Anton von Boch (1809–1898) zur Verfügung. Sorgfältig wurde die Kapelle 1878/79 in Wallerfangen abgebaut, jeder Stein kontrolliert und markiert und mithilfe eines Treidelschiffes nach Mettlach transloziert. Dort wurde St. Joseph 1882 über der Familiengruft der von Bochs wieder aufgebaut. Eugen von Boch war zu dieser Zeit Leiter des Unternehmens Villeroy & Boch und ließ das neogotische Schmuckstück mit zusätzlicher Bauplastik aus der hauseigenen Keramikproduktion ausstatten.

Als Vorbild der St. Josephs-Kapelle fungierte der hochgotische Bau (13. Jahrhundert) der Sainte Chapelle auf der Île de la Cité in Paris. Sie war die Hofkapelle der königlichen Residenz Ludwigs IX. (1226–1270). St. Joseph ist eine vierjochige (vier selbständige Raumabschnitte einer Gewölbefolge) Kapelle mit Kreuzrippengewölben und polygonalem Chorabschluss. Die Außenansicht wird von rotem und ockerfarbenem Sandstein dominiert, der durch großzügige Maßwerkfenster durchbrochen wird. Die aufwendige Bauplastik weist typisch neogotische Elemente wie Strebepfeiler, Spitzbogenfenster, Fialen, Kreuzblumen und Krabben auf. Die Form des steilen Satteldaches wird vom Wimperg (gotischer Ziergiebel über Portalen und Fenstern) der Eingangsfassade wieder aufgenommen.

St.Joseph zus
Der heute wieder in seiner ursprünglichen Realisierung erstrahlende Innenraum war seit den 1950er-Jahren mit einem weißen Anstrich bedeckt und war dadurch in Vergessenheit geraten. Bei der Restaurierung, die im Jahr 2003 begonnen und 2013 abgeschlossen wurde, konnten die prächtigen Malereien und Fliesen in leuchtenden Farben wieder freigelegt werden. Der Sockel des Innenraums wurde mit den im 19. Jahrhundert von Villeroy & Boch produzierten „Mettlacher Platten“ verziert. Die Gewölbe erstrahlen wieder in ihrem Kobaltblau, das von kleinen, vergoldeten Rauten durchsetzt ist, wodurch der Eindruck eines Sternenhimmels entsteht. Zudem verbarg der dreilagige weiße Anstrich goldverzierte Ornamentbänder und eindrucksvolle Wandmalereien.

Die originale Ausstattung ist fast vollständig erhalten. Dazu gehören u.a. die Orgelempore, die aus Terrakotta gefertigten Kreuzwegstationen im Sockelbereich, eine kretische Ikone (15. Jahrhundert), der farbig gestaltete, neogotische Holzaltar, eine große Marienfigur mit Kind und die Statue des Patroziniums des Heiligen Josephs. Im Frühjahr 2013 waren die Restaurierungsarbeiten abgeschlossen. Seitdem ist das Schmuckstück wieder für Besucher zugänglich. St. Joseph kann für Gottesdienste aber auch als sakramentaler Ort für Taufen und Hochzeiten genutzt werden. An den hohen Restaurierungskosten beteiligten sich neben der Familie Villeroy & Boch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die GlücksSpirale sowie Bund und Land.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
MARSCHALL, Kristine (2011): Die Kapelle St. Joseph in Mettlach (Saarland). Saarbrücken. (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals" 2011). Datei zum Download (PDF)
RICKER, Julia (2012): St. Joseph kam per Schiff. Die Kapelle von Mettlach wurde auf dem Wasser transportiert. In: Monumente: Magazin für Denkmalkultur in Deutschland, 22. Jg., Nr. 4, S. 40-41.
STARK, Margit (2011): Farbenzauber unter Putz. Kapelle kam mit dem Schiff nach Mettlach. In: Saarbrücker Zeitung, Ausgabe 36, Lokalteil Merzig vom 12.02.2011, S. C1. Online-Beitrag im SZ-Archiv

zum Seitenanfang



Die Klosterruine Wörschweiler

Die zur Kreisstadt Homburg gehörende Klosterruine Wörschweiler zählt zu den meistfotografierten und zeichnerisch festgehaltenen Sehenswürdigkeiten im Saarpfalz-Kreis. Das Plateau, auf dem das Kloster angelegt wurde, liegt auf dem 370 m hohen Sporn des Marienbergs oberhalb des Bliestals und wurde in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts von dem jungen Grafen Friedrich I. von Saarwerden für die Gründung eines Benediktinerpriorats ausgewählt. Das Priorat Wörschweiler wurde dem zu dieser Zeit schon fast vier Jahrhunderte bestehenden Kloster Hornbach unterstellt. Wann die Grundsteinlegung des Wörschweiler Priorats stattfand, ist nicht überliefert, dagegen aber die 1131 durchgeführte Konsekration der Klosterkirche.

27 WoerschweilerDie Abtei wurde über den Ruinen einer römischen Anlage errichtet, die in der Gründungsurkunde als „Gloria Romanorum" nachgewiesen ist. Ebenso geben Ausgrabungen Grund zur Annahme, dass dieser Ort schon zu römischer Zeit als heidnische Kultstätte gedient hat. Die später dort errichtete Zisterzienserabtei war im Mittelalter die einzige ihrer Art im Gebiet des heutigen Saarlandes.

Die Benediktinermönche, die zunächst auf dem Klosterberg angesiedelt wurden, hatten sich offensichtlich von ihrer Ordensregel Ora et labora („Bete und arbeite") allzu weit entfernt und wurden recht bald durch Zisterziensermönche ersetzt. Die Überschreibung des Konvents an die Zisterzienser erfolgte im Jahr 1171. Wörschweiler war für die Zisterzienser ein wichtiger Standort zwischen Weiler-Bettnach (Villers-Bettnach) und dem Eußerthaler Kloster.

Die erste benediktinische Klosterkirche auf dem Marienberg wurde um 1265 durch eine dreischiffige Basilika ersetzt. Der Klosterkomplex war von einer Ringmauer umgeben und durch das südwestlich gelegene Tor zugänglich. Die einzelnen Klostertrakte waren dem Vorbild der zweckmäßigen Zisterzienserbauten angepasst und gruppierten sich um einen mit Kreuzgang gesäumten Innenhof. Bernhard von Clairvaux, der Gründer des Zisterzienserordens, hatte einen Idealtypus des Klosterbaus entworfen, was die fast identische Grundrissaufteilung früher Zisterzienserklöster begründet. Vorgesehen war allerdings eine Tallage, die durch die Übernahme des benediktinischen Vorgängerkonvents in Wörschweiler nicht möglich war. So steht das ehemalige Kloster – von der topographischen Sonderstellung abgesehen – ganz in der Tradition der frühen Zisterzienserarchitektur, die ihre Vorbilder im spätromanisch-frühgotischen Stil burgundischer Klöster hatte.

Wörschweiler 1Wörschweiler 2
Die Klosteranlage diente als letzte Ruhestätte des Saarwerdener Adelsgeschlechts, wovon die noch erhaltenen Grabplatten zeugen, die heute zum Teil im Römermuseum Schwarzenacker und der Walburgiskapelle des Schlosses Gutenbrunn in Wörschweiler aufbewahrt werden. Im 15./16. Jh. kam es häufig zu Streitigkeiten zwischen Äbten und Grafen sowie zur Vernachlässigung seelsorgerischer und pfarramtlicher Pflichten seitens der Mönche. Mit dem Beginn der Reformation wurde das Zisterzienserkloster 1558 durch den zum Protestantismus übergetretenen Herzog Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken säkularisiert und später als Wirtschaftsgut genutzt. Im Jahr 1614 fiel der leer stehende Bau bei der Bekämpfung von Kriechtieren einem außer Kontrolle geratenen Brand zum Opfer. Danach geriet das ehemalige Kloster in Vergessenheit und wurde von der Natur zurückerobert.

Wörschweiler 3Bei dem benediktinischen Gründungsbau handelte es sich um eine Pfeilerbasilika ohne Querhaus. Der Nachfolgebau war ebenfalls eine Pfeilerbasilika, jedoch mit dreijochigem Langhaus und einem Querhaus mit je zwei östlich anschließenden Apsiden. Das Langhaus wurde mit gebundenem System (jedem quadratischen Mittelschiffjoch entsprechen zwei quadratische Seitenschiffjoche) und gotischem Kreuzrippengewölbe im Hauptschiff sowie Kreuzgratgewölben in den Nebenschiffen umgesetzt. Westlich schloss sich an das Hauptschiff eine Vorhalle an. Die Westfassade weist noch heute das in der Laibung abgestufte Rundbogenportal und die teilerhaltenen Gewände der Fensterrose auf, wodurch sich ursprüngliche Größe und Charakter der ehemaligen Klosteranlage noch erahnen lassen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwarb die Familie Lilier das Gelände um den Klosterberg und erweckte das Kloster aus seinem Dornröschenschlaf. Durch das Engagement der Neueigentümer wurde die Klosterruine wieder freigelegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So steht die Klosterruine nicht allein für das transzendente Empfinden des Adels im Mittelalter und den zeitgenössischen Klosterbaustil der Zisterzienser im 12. Jahrhundert, sondern auch für ein großes Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit bedeutenden Kulturgütern in Privatbesitz. In den 1950er-Jahren durchgeführte Ausgrabungen förderten Mauerreste aus verschiedenen Epochen zu Tage. Weitere Restaurierungen wurden in den 1990er-Jahren in die Wege geleitet und dauern bis heute an. Durch seine exponierte Lage und emporragenden Ruinen bietet das ehemalige Kloster den Besuchern eine einzigartige romantische Kulisse.


Text:
Frank Ehrmantraut (Überarbeitung: Isabelle Jost)

Fotos:
Olaf Kühne (oberes Foto), Kreisstadt Homburg (übrige Fotos)

Weiterführende Literatur:
BAULIG, Josef (2008): Klosterruine Wörschweiler. Erhaltungskonzept. Kapitelsaal und Sakristei. WS 2008/2009. Datei zum Download (PDF) (zuletzt abgerufen am 13.08.2014).
DEHIO, Georg (1984): Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Rheinland-Pfalz, Saarland. Bearbeitet von Hans Caspary, Wolfgang Götz und Ekkart Klinge, überarbeitet und erweitert von Hans Caspary, Peter Karn und Martin Klewitz. Begründet vom Tag für Denkmalpflege, fortgeführt von Ernst Gall (Hrsg.). Neubearbeitung durch die Dehio-Vereinigung. München / Berlin, S. 1147-1150.
KOLLING, Olliver (Hrsg.): (2014): Kloster Wörschweiler. Datei zum Download (PDF) (zuletzt abgerufen am 13.08.2014).
KONZ, Jakob (1983): Kloster Wörschweiler. In: Saarpfalz. Blätter für Geschichte und Volkskunde, 1983/1, S. 18-25.
KREIS- UND UNIVERSITÄTSSTADT HOMBURG (SAAR) / VERKEHRSVEREIN UND HISTORISCHER VEREIN HOMBURG (Hrsg.) (1982): Kloster Wörschweiler 1131–1981. Homburg.

zum Seitenanfang



Die Klosterruine Gräfinthal

Die Klosterruine Gräfinthal gehört zu einem Benediktinerkonvent in Bliesmengen-Bolchen, Gemeinde Mandelbachtal, und ist seit dem 13. Jahrhundert eine bedeutende Wallfahrtsstätte. Die Geschichte des Klosters steht in Zusammenhang mit dem Vesperbild (Pietà) „Unsere Liebe Frau mit den Pfeilen“, der sogenannten „Pfeilen-Madonna“. Überlieferungen nach wurde das Muttergottesbild mit Pfeilen beschossen, woraufhin Blut aus der Madonna floss, welches einem Blinden, der sich damit wusch, sein Sehvermögen zurückgab. Auch Gräfin Elisabeth von Blieskastel soll damit ein Augenleiden geheilt haben. Aus Dankbarkeit stiftete sie zwischen 1240 und 1260 das Kloster Gräfinthal, in dem das Vesperbild fortan aufbewahrt wurde. 1273 wurde Elisabeth im Kloster beigesetzt.

Die „Pfeilen-Madonna“ ist eine 80 cm hohe Gnadendarstellung aus Eichenholz. In ihr stecken fünf eiserne Pfeilspitzen, die der Madonna ihren Namen gaben. Das Vesperbild, das zunächst ins 14. Jahrhundert datiert wurde, kann nach jüngsten Forschungen als älteste bekannte Pietà gelten und demnach auch mit der tradierten Klostergründung in Verbindung gebracht werden.

Graefinthal Slotta 1 kleinGraefinthal Kuehne kleinDas Kloster wurde einem damals jungen Orden, den Wilhelmiten, anvertraut. Die Mönche stammten aus einem Kloster in der Toskana und nannten sich Eremiten von Malavalle nach ihrem Ordensgründer Wilhelm von Malavalle (etwa 1100–1157). Dieser Reformzweig der Benediktiner hatte Eremitentum, Buße, Seelsorge, Krankenpflege und eine ausgeprägte Marienverehrung als Leitbilder.

Im Laufe des Mittelalters wurde das Kloster mehrfach von Zerstörungen und Bränden heimgesucht. Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) zogen zwei Brände die Gebäude schwer in Mitleidenschaft. Das Kloster gelangte zwanzig Jahre nach Beendigung des Krieges in den Besitz der Grafen von der Leyen. Unter dem Mäzenatentum des seit 1714 im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken im Exil lebenden polnischen Königs Stanislaus Leszcyński (1677–1766) blühte das Kloster zu Beginn des 18. Jahrhunderts wieder auf. Die jüngere der beiden polnischen Königstöchter, Anna Leszcyński, fiel einem Giftmord zum Opfer und wurde im Alter von 18 Jahren in Gräfinthal bestattet.

Graefinthal Slotta 2 kleinDer schwedische Baumeister Jonas Erikson Sundahl (1678–1762) trug zwischen 1714 und 1719 zur barocken Bauausführung bei. Das Wilhelmitenkloster war aufgrund seines Seelsorgeauftrages und der Marienverehrung ein beliebter Wallfahrtsort. Infolge beginnenden Verfalls der Gebäude und Konflikten innerhalb des Konventes wurde Gräfinthal als letztes Wilhelmitenkloster auf deutschem Boden 1785/86 auf Initiative der Blieskasteler Gräfin Marianne von der Leyen von Papst Clemens XIV. aufgelöst. Die kostbare Pietà wurde mit der Übersiedlung der Mönche nach Blieskastel in die „Heilig-Kreuz-Kapelle“ des Blieskasteler Klosters überführt.

Schon 1786 wurde mit dem Abriss der Gebäude begonnen; die verbliebenen Trakte wurden in der Folge der Französischen Revolution versteigert. Der damalige Bürgermeister von Saargemünd, Jean-Baptiste Mathieu, kaufte die Bauten in Gräfinthal und errichtete schließlich 1809 die Kapelle im Chorraum der Kirche. Seit 1993 findet eine Wiederansiedlung von Benediktinermönchen in Gräfinthal statt.

Zwischen 1994 und 1996 wurden archäologische Ausgrabungsarbeiten im ehemaligen Konventbereich unternommen. Restbestände der Umfassungsmauern des Klosterbereichs und die Ruinen der ehemaligen Klosterkirche bezeugen die ursprüngliche Größenordnung. Im Hofzentrum befindet sich das Mitte des 18. Jahrhunderts entstandene, auf vier Rundsäulen ruhende Taubenhaus. Neben der „Pfeilen-Madonna“ sind zwei weitere bedeutende Ausstattungsstücke des Mittelalters erhalten: das späte Gnadenbild (eine 2 Meter hohe Madonna) und das lebensgroße Kruzifix. Beide Devotionalien (Andachtsobjekte) werden der Spätgotik zugeschrieben.


Text:
Tanja Kaiser (Überarbeitung: Isabelle Jost)

Fotos:
Delf Slotta (oberes Foto links und unteres Foto), Olaf Kühne (oberes Foto rechts)

Weiterführende Literatur:
AMMERICH, Hans (1997): Das Wilhelmitenpriorat Gräfinthal und die Wallfahrt zur „Madonna mit den Pfeilen“. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte, 49. Jg. (1997). Mainz, S. 45-68.
BARTH, Hermann-Peter (1954): Die Wallfahrtskapelle in Gräfinthal. St. Ingbert.
MAYER, Alfred (1990): Gräfinthal, ein Wilhelmitenkloster im Bliesgau. Homburg.
MINISTERIUM FÜR UMWELT, ENERGIE, VERKEHR / LANDESDENKMALAMT (Hrsg.) (2009): Denkmalpflege im Saarland. Jahresbericht 2009. Saarbrücken, S. 61-64.
OBERHAUSER, Gabriele (1992): Wallfahrten und Kultstätten im Saarland. Von der Quellenverehrung zur Marienerscheinung. Saarbrücken.

zum Seitenanfang



Die Abtei Wadgassen

Die in den Wirren der Französischen Revolution untergegangene Abtei Wadgassen im Landkreis Saarlouis zählte zu den größten und bedeutendsten Klöstern in Deutschland. Die ehemalige Prämonstratenserabtei wurde auf den Ländereien eines fränkischen Hofes im Jahr 1135 errichtet. Der königliche Hof „Villa Wadegozzinga“ wurde namensgebend sowohl für den Ort Wadgassen als auch für die Abtei. Erstmals wird der Königshof in einem Schriftstück König Ludwigs IV. (893–911) aus dem Jahr 902 erwähnt. Das Gründungsjahr des Klosters geht aus einer Urkunde des Erzbischofs Albero (1080–1152) von Trier hervor. Wahrscheinlich gelangte das fränkische Gut durch eine Schenkung König Heinrichs IV. im Jahr 1080 in das Eigentum des Saargau-Grafen Siegbert I. (1080–1105). Die Voraussetzungen für die Abteigründung wurden geschaffen, als Siegberts Sohn, Graf Friedrich von Saarbrücken, das Terrain mit allen darauf befindlichen Besitzungen zur Errichtung eines Augustinerklosters vorgesehen hatte. Die Witwe des Grafen, Gräfin Gisela, und ihr Sohn Simon I. übergaben die Schenkung nach letztem Willen Friedrichs von Saarbrücken an das Erzbistum Trier.

Wadgassen 2 Isabelle bearbeitetWadgassen Abteiweiher JensAus den im 17. Jahrhundert verfassten „Annalen“ des Abteichronisten Konrad Piscator geht hervor, dass am 3. Oktober 1137 die Klosterkirche zu Ehren der Jungfrau Maria von Erzbischof Albero eingeweiht wurde. Als erster Abt des Klosters ist Wolfram überliefert, der 1135 von dem Mutterkloster Prémontré in der Normandie nach Wadgassen berufen wurde. Diese ersten urkundlichen Belege besiegeln nicht zweifelsfrei die Anfänge des klösterlichen Lebens in Wadgassen. Auf der Grundlage der in den Quellen bekundeten kurzen Bauzeit der Klosterkirche wird von Historikern erwägt, die Chorherren-Gemeinschaft sei bereits um 1130 gegründet worden. Angesichts dieser Umstände kann es sich nicht von Beginn an um ein Prämonstratenserkloster gehandelt haben. Diese These entkräftigt die Annahme, die Abtei habe seit ihren Anfängen zum Orden der Prämonstratenser gehört, deren Gemeinschaft 1120 durch Norbert von Xanten (1080/85–1134) gegründet wurde. Vermutlich war die Wadgasser Abtei zunächst mit der Springiersbacher Reformrichtung verbunden, die ihre Reformen denen der Augustiner-Chorherren anglichen.

Das Kloster wurde von Bischof Albero als „vogtfreie“ Niederlassung bestimmt, was bedeutet, dass das Stift keinen Vogt außer dem Erzbischof anerkannt hatte. Auch die Nachfolger Alberos übten das Vogteirecht gewissenhaft aus, bis das Recht als Lehen an den Adel übergeben wurde. In der wechselvollen Geschichte der Abtei wurde das Vogteirecht zeitweilig als ererbtes Lehen an den Hochadel übertragen, was zu einem Missbrauch der Rechte seitens des Hochadels führte, der das Recht nutzte, um Abgaben zu erzwingen. Eben diese Handlungen sollten mit dem Status der abbatia libera (freie Abtei) verhindert werden.

Wadgassen 5 Isabelle bearbeitet Wadgassen Cristallerie JensIn den ersten Jahren des neuen Klosters wurde ein Hospital errichtet, das unterhalb des Hauptgebäudes am Lauterbach gestanden haben soll, bis es 1639 im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde. Im ausgehenden Mittelalter gehörten u.a. auch Wirtschaftgebäude, eine Mühle, eine Bäckerei sowie eine Brauerei zum Konvent. Die Mönche kümmerten sich mit großem karitativem Engagement um Bedürftige, Reisende und Unterkunftssuchende. Insgesamt 57 Pfarreien in der Umgebung wurden zur Blütezeit des Stifts von den Chorherren verwaltet. Der Konvent bestand etwa 650 Jahre fort; in diesen Jahren wurde die Abtei von 39 Äbten geführt. Die Zirkarie Wadgassen (Visitations- und Verwaltungsbezirk des Prämonstratenserordens) umfasste zeitweilig etwa 50 Abteien und erfasste das Gebiet von Oberlothringen über Südwestdeutschland bis nach Bayern, Hessen und Westfalen.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde unter Abt Hermann Mertz ein ausgedehnter spätbarocker Neubau unter Leitung des Architekten Bernhard Trabucco errichtet. Der Neubau ist in einem Kupferstich aus dem Jahr 1736 dargestellt. Die Trakte des Klosters wurden innerhalb von zehn Jahren, von 1719 bis 1729 erbaut. Die Forschungen des ehemaligen stellvertretenden Landeskonservators des Saarlandes Prof. Dr. Georg Skalecki zeigten, dass sogar der Baumeister der Mettlacher Benediktinerabtei, Christian Kretzschmar, zunächst als Steinhauer an dem Wadgasser Klosterbau tätig war, bevor er von Trabucco nach Mettlach empfohlen wurde. Wahrscheinlich folgten weitere Um- und Neubaumaßnahmen unter Abt Michael Stein (1743–1778). Der Grund für die weiteren Bauausführungen konnte anhand der unzulänglichen Quellenlage bislang nicht erforscht werden.

Wadgassen 1 Isabelle bearbeitetWadgassen 4 Isabelle bearbeitetIm Jahr 1766 wurde zwischen Fürst Wilhelm Heinrich (1718–1768) und dem französischen König Ludwig XV. (1710–1774) ein Vertrag geschlossen, der den Austausch von Besitzungen an der lothringischen Grenze beinhaltete. Fürst Wilhelm Heinrich trat dem König die Landesherrlichkeit und Gerichtsbarkeit über das Kloster Wadgassen ab. Im Zuge der Säkularisierungsbestrebungen Frankreichs bestimmte die französische Nationalversammlung 1790 die Verstaatlichung der Kirchengüter und die damit verbundene Auflösung der Klöster. 1792 konnte die Wadgasser Abtei den wüsten Zerstörungen der Französischen Revolution nicht mehr standhalten. Das Trümmergelände wurde daraufhin von Bürgern als „Steinbruch“ genutzt. 1798 erwarb Nicolas Villeroy (1759–1843) das Grundstück und errichtete hier auf den Ruinen der Abtei die Cristallerie Wadgassen.

Der Abteihof ist das letzte erhaltene Gebäude des einst geistigen Zentrums in Wadgassen, in dem heute das Deutsche Zeitungsmuseum der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz untergebracht ist. Darüber hinaus sind der Abteiweiher und Sockelreste der Abteikirche erhalten geblieben. 2012 wurde das Lifestyle-Outlet-Center „Myland“ eröffnet, das Teile der unter Denkmalschutz stehenden Cristallerie integriert. Hier wurde auf einen „erlebbaren Denkmalschutz“ in der Umgebung der Glasproduktion Wert gelegt.


Text:

Isabelle Jost

Fotos:
Jens Falk (oberes Foto 2), Isabelle Jost (übrige Fotos)

Weiterführende Literatur:
PFEIFFER, Heribert (2006): Abt Wolfram, die Abteigründung und der kirchliche Status. Wadgassen. Datei zum Download (PDF) (zuletzt abgerufen am 13.08.2014).
PFEIFFER, Heribert/SONNEN, Hans (1985): Prämonstratenserabtei Wadgassen 1135–1792. Beiträge zur Abtei- und Ordensgeschichte. Herausgegeben anlässlich des Jubiläums – 850 Jahre Gründung der Prämonstratenserabtei Wadgassen. (= Wadgasser Publikationen, Nr. 4). (Hrsg.: Katholische Kirchengemeinde „Maria Heimsuchung“ Wadgassen, Zivilgemeinde und Bisttalforum Wadgassen). Saarlouis.
SKALECKI, Georg (1993): Baumeister und Bauhandwerker beim barocken Neubau der Prämonstratenserabtei Wadgassen. In: Kurtrierisches Jahrbuch 33, 1993, S. 159-175.
TRENZ, Wilhelm Franz-Josef (1975): Die Prämonstratenserabtei Wadgassen, ein bedeutender kultureller Schwerpunkt an der mittleren Saar. In: Einheitsgemeinde Wadgassen – das Jahr der Jubiläen. 750 Jahre Hostenbach, 650 Jahre Schaffhausen, 250 Jahre Friedrichsweiler. (Hrsg.: Bürgermeister der Einheitsgemeinde Wadgassen). Dillingen, S. 53-58.
TRITZ, Michael (1978): Geschichte der Abtei Wadgassen. Zugleich eine Kultur- und Kriegsgeschichte der Saargegend. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1901 mit einer Einleitung von Hans-Walter Herrmann und einem Register. Saarbrücken.

zum Seitenanfang



Der „Saardom“ in Dillingen

Die katholische Pfarrkirche Hl. Sakrament in Dillingen/Saar ist in unserer Region als „Saardom“ bekannt. Angesichts der steigenden Einwohnerzahlen in der Hüttenstadt Dillingen wurde 1844/45 die Pfarrkirche St. Johann errichtet, die aber schon ein halbes Jahrhundert später für die stetig wachsende Gemeinde nicht mehr ausreichend Raum bot. Am Rande der Gemeinde wurde 1910–1913 die Pfarrkirche Hl. Sakrament als größter saarländischer Sakralbau errichtet. Während der Baumaßnahmen hatte Dillingen etwa 8.000 Einwohner. Aus den eingereichten Entwürfen für das Gotteshaus wurde nach Ablehnung des 1906 von Kirchenbaumeister Wilhelm Hector erarbeiteten Plans schließlich das Baukonzept des Trierer Architekten Peter Marx ausgewählt. Der Saardom war Marx´ bedeutendster Auftrag neben der Trierer Martinskirche. Die geläufigere Bezeichnung „Saardom“ war womöglich eine Begriffsprägung des Architekten Peter Marx, der die neue Pfarrkirche „Dillinger Dom“ nannte.

Saardom 2 IsabelleMit einem Stein aus den Domitilla-Katakomben in Rom, der die unmittelbare Verbundenheit zum frühen Christentum bezeugen sollte, erfolgte am 28. Mai 1911 die Grundsteinlegung. In die Wand zwischen Marienaltar und Sakristei eingebettet, ist der Grundstein das symbolische Fundament des Saardoms. Am 25. April 1913 konnte die neue Dillinger Pfarrkirche konsekriert werden.

Die vorwiegend neoromanische Sakramentskirche ist eine in graurotem Sandstein errichtete, dreischiffig sowie fünfachsig angelegte Basilika mit langem Querschiffflügel, Chorumgang und Kapellenkranz. Der Grundriss entspricht folglich der Form eines lateinischen Kreuzes. Die überkuppelte Vierung wird von einem oktogonalen Turm mit Zwerggalerie (offener Laufgang unterhalb des Dachansatzes) überragt. Die in fünfeckigen Konchen (in der Regel ausbuchtender Bau oder Gebäudeteil) endenden Querschiffarme und der Chor schließen ebenfalls unter der Traufe mit einer Zwerggalerie ab.

Die Straßenansicht bestimmend ragt die Doppelturmfassade im Süden empor. Ihre fünfstöckigen Türme treten gegenüber der Portalachse leicht zurück. Die Durchgestaltung der Fassadengliederung zeigt sich in eklektizistischer Manier, d.h. neben dem neoromanischen Formenvokabular wurden weitere Baustile zitiert. Darüber hinaus findet sich an den beiden Fassadentürmen keine symmetrische Analogie. Unterschiedliche polygonale Hauben und Helme krönen die Türme und lassen gotische Tendenzen erkennen. Die dem Baukörper immanente Architektur verweist auf spätromanische Merkmale verschiedener Regionen.

Der Innenraum greift ebenfalls die Vielfalt historistischer Stilelemente auf. Entlang der von massiven Säulen (Rund- und Achtecksäulen) und Arkaden (offene Bögen über Pfeilern oder Säulen) getragenen Hochschiffwand verlaufen gebündelte Dienste (einer Wand vorgelegter Rundstab zur Aufnahme der Rippen, Gurt- und Schildbögen eines Gewölbes) über den Obergadenlaufgang hinauf zu den Gurtbögen (senkrecht zum Kirschenschiff verlaufender Bogen) des Tonnengewölbes. Der Vierungsbereich wird von einer Pendentifkuppel (Pendentif = Ecküberleitung vom kubischen Raum zur Kuppel) überspannt. Der aufgrund kleiner Fenster nur gering ausgeleuchtete Chor wird durch die Lichtkegel der Vierung und des Querschiffflügels erhellt.

Saardom 4 IsabelleSaardom Kapitell IsabelleVon der Innenausstattung ist ein Werk besonders hervorzuheben: das Dillinger Triptychon. Das dreiflügelige Ölgemälde wird nur selten für die Öffentlichkeit ausgestellt. In der Regel ist das dreiteilige Gemälde um die Weihnachtszeit zu bestaunen. Das Altarbild, das sowohl vom altniederländischen Realismus als auch von der italienischen Renaissance geprägt ist, stammt von einem niederländischen Maler und wird auf die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert. Viele Jahre wurde es dem Maler und Graphiker Lucas von Leyden (1494–1533) zugeschrieben, wobei es an detaillierten Hinweisen zu Herkunft und Urheberschaft mangelt.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Saardom vor allem durch Luftangriffe schwer beschädigt. Während des Wiederaufbaus der Nachkriegsjahre konnte der Saardom gemäß seiner ursprünglichen Erscheinung wieder errichtet werden. Weitere Restaurierungen erfuhr das Gotteshaus in den 1980er- und 1990er-Jahren.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
KATHOLISCHES PFARRAMT HL. SAKRAMENT DILLINGEN (Hrsg.) (1963): Hl. Sakrament Dillingen/Saar. Kirchenchronik anläßlich des 50. Jahrestages der Konsekration der Katholischen Pfarrkirche Hl. Sakrament, Dillingen/Saar, am 17. November 1963. Dillingen.
KOSTKA, Manfred (1997): Katholische Pfarrkirche Hl. Sakrament, „Saardom“: Dillingen/ Saar, Kreis Saarlouis, Bistum Trier, Patrozinium: Fronleichnam, Kirchweihtag: 25. April 1913. (Hrsg.: Pfarramt Hl. Sakrament). Dillingen.
MARSCHALL, Kristine (2002): Sakralbauwerke des Klassizismus und Historismus im Saarland. Saarbrücken. (= Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Band 40). zum Online-Shop

zum Seitenanfang



Die Wendalinusbasilika in St. Wendel

Das Stadtbild St. Wendels wird von der überragenden Dreiturmgruppe des „Wendelsdomes“, wie die Kirche im Volksmund genannt wird, geprägt. Seit 1180 ist der Name St. Wendel als „Sancto Wendalino“ urkundlich belegt. Im Jahr 1332 erhielt St. Wendel bereits Stadtrechte und ist bis heute über die Grenzen hinaus als Wallfahrtsort der Grabstätte des Heiligen Wendelin bekannt, dessen Vita und Wirken bis heute eine Vielzahl von Fragen offen lassen. Historiker gehen von einer missionarischen Tätigkeit Wendelins im 6./7. Jahrhundert aus und schreiben ihm eine iro-schottische Abstammung zu. 

Wendalinusbasilika Wagner 1 260Der Legende nach wurde bereits vor 1200 eine Kapelle über dem Grab des Heiligen Wendelin errichtet. Historisch bezeugt ist eine vor 1300 erbaute Pfarrkirche. Ausgrabungen und Mauerreste im Westwerk belegten die Existenz eines romanischen Vorgängerbaus der spätgotischen Wendalinusbasilika. Leider haben sich keine Zeichnungen oder Relikte erhalten, um eindeutige Aussagen über das Erscheinungsbild der romanischen Kirche treffen zu können.

Die Wendalinusbasilika zählt zu den großartigsten spätgotischen Sakralbauwerken im Saarland. Die dreischiffige Hallenkirche entstand in drei Bauphasen zwischen 1330 und 1500. Der Grundstein wurde unter dem Trierer Erzbischof und Kurfürsten Balduin von Luxemburg (1285–1354) gelegt, der die politische und kulturelle Entwicklung der Stadt förderte. Begonnen wurde der Bau mit der Errichtung des Chores auf der Ostseite. Dieser soll 1360 unter Balduins Nachfolger, Erzbischof Boemund II. von Saarbrücken († 1367) geweiht und zunächst als selbstständiges Gotteshaus genutzt worden sein.

Das Dreiturm-Westwerk der Wendalinusbasilika erhebt sich über quadratischem Grundriss und mündet in dem alles überragenden 69 Meter hohen, barocken Turmhelm, der 1753 eine welsche Haube erhielt. Typische Stilmerkmale der Gotik finden sich vor allem in der Portalachse. Die Eingangszone wird von einem Wimperg (giebelartige Bekrönung über dem Portal) mit Kreuzblume (kreuzförmig ausladende Spitze) bekrönt. Die schmalen, mehrfach abgetreppten Strebepfeiler dienen nicht nur der Ableitung der Schubkräfte, sondern tragen auch zur vertikalen Gliederung des Westwerks bei und enden unterhalb der Turmbalustrade. Die horizontale Aufteilung durch Gurtgesimse und Balustrade unterstützt dagegen die Kolossalität des Westwerks – ein eher untypisches Merkmal der feingliedrigen Epoche.

Wendalinusbasilika SarkophagWendalinusbasilika Gewölbe bearbeitet 260Auf der Ostseite schließen sich an das Langhaus zwei weitere Joche (durch je vier Stützen gebildete Gewölbeabschnitte eines Kirchenschiffes) und ein polygonaler 5/8-Chorschluss (im Grundriss als Achteck angelegter, an fünf Seiten überbauter Chorab¬schluss) an. An der Südseite befindet sich eine Vorhalle, die in St. Wendel als „Baltersweiler Küche“ bekannt ist, da sie von Pfarreimitgliedern aus Baltersweiler genutzt wurde, um nach dem langen Fußweg nach St. Wendel eine kleine Speise zu sich zu nehmen. In die 1465 angebaute südliche Vorhalle sind Epitaphien (Denkmäler mit Inschrift zur Erinnerung an Verstorbene) eingelassen. Der Innenraum des dreischiffigen Langhauses wird durch rostrote, kapitelllose Rundsäulen geteilt, die das Netzgewölbe tragen; ein Querhaus fehlt. Die wertvollen Deckenmalereien mit Wappendarstellungen im Mittelschiffgewölbe entstanden vermutlich um 1464. Unter den Wappen ist durch das Symbol des Krebses ein Hinweis auf Kardinal Nikolaus von Kues (1401–1464) gegeben, des vermutlichen Stifters der aus dem Jahr 1462 stammenden Kanzel. Diese gilt als die zweitälteste Steinkanzel Deutschlands und trägt ebenfalls das Krebswappen. 

Wendalinusbasilika LPM 260Im Chorhaupt steht das Hochgrab mit dem Reliquiensarkophag des Heiligen Wendelin aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts; unter ihm ziehen die Pilger bei ihrer Prozession hindurch. Die mit Steinbildern der Apostel verzierte Tumba in der Chormitte (etwa um 1360–1370) dient als Schautisch. Ein weiteres bedeutendes Kunstwerk der Kirche ist das „Heilige Grab“ in einer Maßwerknische an der Nordostecke des Chores: Die acht Terrakottafiguren aus der Zeit um 1480 weisen Merkmale der Spätgotik und der Renaissance auf. Sie wurden von Übermalungen befreit und sind seither wieder in ihren ursprünglichen Farben zu sehen. An den Wänden der Seitenschiffe stehen die Barockfiguren der Zunftpatrone aus dem 18. Jahrhundert.

Die Reliquienkirche blieb in keinem Jahrhundert von Bau- und Renovierungsarbeiten verschont. Zur 600-Jahrfeier wurde der „Wendelsdom“ an Pfingsten 1960 zur „basilica minor“ erhoben. Umfangreiche Instandsetzungsmaßnahmen fanden 1959/60 mit der Innenraumrestauration und 1979–1981 mit der Gesamtrestauration statt. Bei dieser jüngsten Instandsetzung wurden auch die 1923 entdeckten Gewölbemalereien des Mittelschiffs wiederhergestellt.

Weitere Pilgerstationen auf den Wallfahrten zum Heiligen Wendelin sind die Wendelskapelle mit dem Wendelsbrunnen und das Missionshaus der Steyler Missionsgesellschaft mit dem angegliederten Wendalinushof.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Juan Manuel Wagner (oberes Foto), Isabelle Jost (Foto 2 und 3), Landesbildstelle Saarland im Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) (unteres Foto)

Weiterführende Literatur:
DEHIO, Georg (1984): Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler – Rheinland-Pfalz und Saarland. 2. Auflage, München. (bearbeitet von Hans Caspary, Wolfgang Götz und Ekkart Klinge, überarbeitet und erweitert von Hans Caspary, Peter Karn und Martin Klewitz).
HAUBRICHS, Wolfgang (1980): Basenvillare – Königsort und Heiligengrab: zu den frühen Namen und zur Frühgeschichte von St. Wendel. In: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend, 28. Jg., S. 7-89.
SCHWINDEN, Nikolaus (Hrsg.) (1960): Grab- und Wallfahrtsheiligtum St. Wendalin in St. Wendel. (Herausgegeben von N. Schwinden aus Anlaß der Erhebung der Kirche zur Basilica minor). St. Wendel.

zum Seitenanfang



Das Missionshaus in St. Wendel

Das Missionshaus in St. Wendel war eines der ersten Ordenshäuser der Steyler Missionare in Deutschland und wurde im Jahr 1898 von Pater Arnold Janssen, dem Stifter der Missionsgesellschaft, gegründet.

Die Entwürfe für die Missionshauskirche stammen von dem Steyler Pater Alfred Fraebel, der sich durch die Ruinen der Zisterzienserabtei Heisterbach aus dem 13. Jahrhundert vom spätromanischen Stil inspirieren ließ. Ihm lagen bereits Pläne der Architekten P. Scholl und des Dombaumeisters Ludwig Becker (1855–1940), dem Architekten der Herz-Jesu-Kirche in Saarbrücken-Burbach, vor. Die Grundsteinlegung für die Kirche fand am 5. Juni 1910 statt. Bereits im August 1911 konnte die Einweihung gefeiert werden. Die Missionshauskirche steht unter dem Schutz der Patronin Maria, der Königin der hl. Engel. Missionshaus zus

Der Sakralbau ist bereits aus der Ferne sichtbar. Die burgartige Anlage besteht aus einem dreischiffigen Langhaus auf dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes, das sich aus der Durchdringung von Langhaus und Querschiff ergibt. Die Seitenschiffe des Langhauses sind niedriger als das Mittelschiff, was sich in der Staffelung der Bauglieder zeigt. Der mächtige Vierungsturm (Vierung = Raumteil, der aus der rechtwinkligen Durchdringung von Lang- und Querschiff entsteht), die Ecktürme und die wehrhafte Gestaltung des späteren Anbaus auf der Südseite unterstreichen den burgartigen Charakter.

Der Chor im Osten mündet in einen Kapellenkranz mit fünf halbkreisförmigen Apsiden (kleine turmähnliche Anbauten). Vom spätromanischen Baustil übernahm der Architekt die Form des Rundbogens, die massive Bauweise, die Verwendung von Backstein (im 12. und 13. Jahrhundert vor allem in Norddeutschland verwendet), aber auch die Staffelung der Bauglieder. Stilkonglomerate bezeugen die Architektur des Historismus: Im Vierungsbereich finden sich Spitzbogen, wie sie für den gotischen Stil bezeichnend sind.

Missionshaus 2 Touristinformation 260Die Monumentalität und Flächigkeit, die durch diese Bauweise entsteht, ist durch Friese, Gesimse, Blendnischen und weitere Zierelemente aufgelockert und belebt die Wandflächen. Das Mittelschiff der Westfassade gliedert sich vertikal in drei fast gleich große Zonen. In der Mitte befindet sich das Eingangsportal mit Treppenaufgang, darüber eine Fensterrosette und ein abschließender Dreiecksgiebel. Der baldachinartige Portalvorbau wiederholt die Anordnung der architektonischen Einheiten. Horizontal ist die Westfassade symmetrisch aufgebaut. Die Unterteilung erfolgt durch Strebemauerwerk, an das sich die Seitenschiffe anschließen.

Die Belichtung des Innenraumes ergibt sich vorwiegend durch die Obergadenfenster des Mittelschiffes, wodurch eine dunkle, mystische Atmosphäre entsteht. Der Blick des Besuchers wird zum Baldachin gelenkt, der von vier mächtigen Vierungspfeilern getragen wird. Der Baldachin wird im Zenit von einem Oculus (Rundfenster) durchbrochen. Zum Ordenshaus gehören neben der Kirche auch das Arnold-Janssen-Gymnasium, die Buchhandlung, das völkerkundliche Museum, eine Bildungsstätte, der Klosterfriedhof, die Lourdes-Grotte sowie ein Ökonomiegebäude mit Gärtnerei, die für interessierte Besucher offen stehen.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost (obere Fotos), Tourist-Information Sankt Wendeler Land (unteres Foto)

Weiterführende Literatur:

KLAUCK, Doris / SKALECKI, Georg (1999): Missionshaus der Steyler Missionsgesellschaft. St. Wendel (Saarland). (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals“ 1999). Datei zum Download (PDF).
MEYERHANS, Stefan (1991): Die Kirche des Missionshauses St. Wendel. Ein Führer durch das Heiligtum. Steyl.
PRAWDZIK, Werner (1998): 100 Jahre Missionshaus St. Wendel. 1898–1998. Bd. 1: Kirche-Kunst-Künstler. Nettetal.

zum Seitenanfang



Die Schlosskirche in Blieskastel

Im Jahr 1775 wurde auf Anregung des Reichsgrafen Franz Carl von der Leyen (1736–1775) in der Residenzstadt Blieskastel ein Kloster der Franziskaner-Rekollekten der Rheinischen Provinz gegründet. Die Grundsteinlegung der Klosterkirche auf dem Blieskasteler Schlossberg erfolgte am 3. Juni 1776. Bereits zwei Jahre später konnte diese zu Ehren der heiligen Mutter Anna und des Apostels Philippus eingeweiht werden. Den Auftrag zum Bau der Klosterkirche erhielt Peter Reheis, ein Schüler Friedrich Joachim Stengels, dem Architekten der Saarbrücker Ludwigskirche. Die Klosterkirche thront über der Altstadt von Blieskastel und steht heute unter Denkmalschutz. Sie ist dem Bautyp nach eigentlich keine Schloss- oder Hofkirche. Die gängige Bezeichnung „Schlosskirche“ ist somit nicht ganz korrekt, der Terminus blieb dennoch bestehen.

Die Franziskaner-Klosterkirche ist ein frühklassizistischer Saalbau (bei den Bettelordenskirchen des 17. und 18. Jahrhunderts wurde der Saalbautyp bevorzugt) mit spätbarocken Elementen, wodurch die Verehrung Reheis’ für den fürstlichen Baumeister Stengel zum Ausdruck kommt. Der Baukörper besitzt in der West-Ost-Ausrichtung drei Achsen, in der Nord-Süd-Ausrichtung zur Straße hin fünf Fensterachsen. Die Kirche schließt im Osten mit eingezogenem Chor auf polygonalem Grundriss ab.

99 schlosskirche bkZwar ist der Saalbau schlicht und trägt als typische Bettelordenskirche statt eines Turms nur zwei unterschiedlich hohe Dachreiter, die Schaufassade hingegen weist jedoch auf das höfische Repräsentationsbedürfnis hin.

Die Westfassade gilt als prunkvollstes Bauelement der Schlosskirche und die Rezeption italienischer Kirchenfassaden des 17. Jahrhunderts ist hier unverkennbar. Die Schauwand wird vom Eingangsportal und der aufwendigen Giebelarchitektur dominiert. Die Gliederung erfolgt durch Pilaster (Wandpfeiler) und teilt das untere Geschoss in eine Portalachse im Zentrum und je eine Seitenachse. Das Portal wird von gedoppelten toskanischen Säulen flankiert und von einem Dreiecksgiebel mit Relief des „Auge Gottes“ bekrönt. Über dem Giebelfeld ist ein Rundfenster eingelassen, das von zwei Vasen mit Portraitmedaillons von Franz Carl von der Leyen und seinem Sohn Philipp Franz begleitet wird. In den Seitenachsen befinden sich im unteren Bereich hochovale Fenster unterhalb des Gesimses liegen rundbogige Ädikulafenster (die architektonische Fensterrahmung gleicht einem Häuschen) mit Brüstungselementen und dreieckigen Giebeln. Zu den Seiten hin wird das Erdgeschoss der Fassade mit einer Eckquaderung abgeschlossen. Über den Pilastern liegt das Gebälk auf, welches sich aus einem starken Architrav (auf einer Stützenreihe ruhender Horizontalbalken) sowie einem hervorkragenden Gesims zusammensetzt, das um den optisch hervorgehobenen Mittelteil herumgeführt ist. Das massive Giebelgeschoss stellt ein auffälliges Pendant zur Strenge der klassizistischen Formensprache dar. In der Giebelorganisation beherrschen Wappen, Vasen, mäanderähnliche Voluten und eine Rechtecknische mit Sebastiansfigur die Komposition. Der stark rhythmisierte Giebel wird von einer Grafenkrone vollendet.

100 schlosskirche bkDie nördliche Langseite der Schlosskirche ist durch flache Pilaster unterteilt, zwischen denen sich hohe gerahmte Fenster mit elliptischen Ochsenaugen befinden, die in Anlehnung an die Ludwigskirche ihre signifikante Kontur erhielten. Auch der weite, helle Innenraum, der mit einer Flachdecke ausgestattet ist, enthüllt mit seiner durch Doppelpilaster gegliederten Wand die nüchterne Eleganz der frühklassizistischen Manier. Die Altäre hingegen sind barocken Gepräges. Die heutige Sakristei war zur Erbauungszeit das gräfliche Oratorium (Gebetsraum). Dem Architekten Peter Reheis ist es mit der Schlosskirche in Blieskastel gelungen, die Dynamik und den festlichen Charakter barocken Bauens mit klassizistischem Formenrepertoire in Einklang zu bringen.

Seit im Jahr 2000 mit der Gründung des katholischen Kirchenbauvereins St. Sebastian die Aktion „Rettet die Schlosskirche“ ins Leben gerufen wurde, dauern die Sanierungsarbeiten an. Die Außeninstandsetzung war 2010 abgeschlossen. Die Innenraumsanierung mit Restauration der Ausstattung wird voraussichtlich im Jahr 2014 abgeschlossen sein.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
BAULIG, Josef (2012): Die Westfassade der Schlosskirche in Blieskastel. (Hrsg.: Landesdenkmalamt im Ministerium für Umwelt, Energie, Verkehr). Saarbrücken. (= Denkmalpflege im Saarland 5).
BECKER, Bernhard (2009): Die Schlosskirche in Blieskastel – zum „Ansehen der Stadt“. In: Saarpfalz. Blätter für Geschichte und Volkskunde, 2009/1 (= Heft 100), S. 7-25.
BREYER, Benno (2009): Die Fassade der Schlosskirche Blieskastel: Versuch einer Interpretation. In: Saarpfalz. Blätter für Geschichte und Volkskunde, 2009/3 (= Heft 102), S. 49-55.
KATH. PFARRGEMEINDE ST. SEBASTIAN (Hrsg.) (2003): Schlosskirche Blieskastel. Blieskastel.

zum Seitenanfang



Die Stephanuskirche in Böckweiler

Die romanische Stephanuskirche im Blieskasteler Stadtteil Böckweiler zählt zu den ältesten Kirchenbauten im Saarland. In ihrer heutigen Erscheinungsform präsentiert sich die kleine Kirche als rechteckiges Langhaus mit Vorraum und Westempore sowie einem Drei-Konchen-Chorturm im Osten (Drei-Konchen-Chor = Altarraum mit kleeblattförmigem Grundriss, bei dem an drei Seiten eines mittigen Quadrats je eine halbrunde Apsis anschließt).

Boeckweiler 1 und 2 Slotta kleinDie Stephanuskirche besitzt eine geschichtsträchtige Vergangenheit. Im Jahre 1149 findet sie ihre erste urkundliche Erwähnung als Benediktiner-Priorat des Klosters Hornbach (südlich von Zweibrücken). Doch bereits zur Zeit der Karolinger bestand an dieser Stelle nachweislich eine Kirche: Auf den Ruinen eines römischen Gehöfts (villa rustica) wurde vermutlich im 9. Jahrhundert eine dreischiffige Basilika errichtet, auf deren Mauerzüge man bei Grabungsarbeiten im Jahre 1908 stieß. Der Kirche schlossen sich im Süden mehrere Klostergebäude an. Die Zuordnung der Anlage zur karolingischen Epoche konnte anhand eines Architekturfragments erfolgen, bei dem es sich um ein Pilasterkapitell oder ein Gesimsstück handeln könnte. Der Grabungsgrundriss der Basilika wurde mittels Steinsetzungen in der Rasenfläche östlich und südlich des heutigen Kirchenbaus sichtbar gemacht.

Die karolingische Kirche wurde wahrscheinlich im 11. Jahrhundert, möglicherweise nach einem Brand, durch einen etwas nach Westen versetzten romanischen Neubau ersetzt, von dem im gegenwärtigen Baubestand noch Teile enthalten sind. Es wird angenommen, dass der frühromanische Bau zunächst als Saalkirche ausgeführt war und erst später nach basilikalem Schema zu einer dreischiffigen Anlage erweitert wurde. Durch Grabungen belegt ist, dass der Chor ursprünglich eine halbrunde Apsis besaß. Diese wurde um die Mitte des 12. Jahrhunderts abgetragen und an ihre Stelle trat der heute noch zu bewundernde Drei-Konchen-Turmchor

Nachdem Ende des 16. Jahrhunderts bereits die Seitenschiffe abgebrochen worden waren, erfuhr der Bau im 17. Jahrhundert eine weitere Reduktion: Der westliche Teil des Langhauses – die ehemals vom Mönchschor durch einen Rundbogen getrennte Laienkirche – wurde entfernt. Die verbliebene einschiffige Anlage mit Chorturm wurde im 18. Jahrhundert barockisiert, was sich insbesondere in einer barocken Fenstergestaltung äußerte. Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte eine Änderung der Fassadengliederung durch Rundbogenfester.

In den Jahren 1949/50 wurde die im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Kirche nach Plänen des Saarbrücker Architekten Rudolf Krüger wiederaufgebaut. Dabei wurde das Langhaus wieder ein wenig nach Westen verlängert, wodurch ein kleiner Vorraum mit danebenliegender Sakristei und die heutige Orgelempore entstanden.

Im Jahre 1533 führte das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, zu dem auch Böckweiler gehörte, die Reformation ein. Dies führte nachfolgend zur Umwidmung der Kirche St. Stephan in eine protestantische Kirche und 1557 zur Aufhebung des einstigen Mutterklosters Hornbach. Bedingt durch die Reunionspolitik Frankreichs wurden Ende des 17. Jahrhunderts wieder katholische Gemeinden im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken zugelassen. Die Kirche in Böckweiler diente fortan für längere Zeit als Simultankirche, die neben Protestanten auch Katholiken für den Gottesdienst zur Verfügung stand.

Boeckweiler 4 Slotta kleinBoeckweiler 3 Slotta kleinDie heute wieder rein protestantische Stephanuskirche ist in ihrer aktuellen Substanz ein kompakter, etwas gedrungener Bau mit je drei Fensterachsen sowie je einem Stützpfeiler an den Langhauswänden. Der fast quadratische Chorturm mit Kleeblattkonchen dominiert die Ostansicht. Auch im Inneren der Kirche setzt sich die kolossale Gliederung fort. Kräftige Pfeiler und der Chor mit schwerem Kreuzgewölbe und Bandrippen tragen zur Wirkung der massiven Beschaffenheit bei.

Der Modernität, welche die Stephanuskirche nach ihrer Umgestaltung im 12. Jahrhundert aufwies, wurde aufgrund der ausgebildeten Kleeblattform vorrangig städtische Präsenz nachgesagt. Daher ist die Kirche in Böckweiler, die häufig als „Kleinod“ betitelt wird, ein seltenes Beispiel für diese Erscheinungsform in provinziellen Gegenden und damit ein Sonderfall romanischer Baukunst in unserer ländlichen Umgebung.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Delf Slotta

Weiterführende Literatur:
BONKHOFF, Bernhard H. (1987): Die Kirchen im Saar-Pfalz-Kreis. Saarbrücken.
DEHIO, Georg (1984): Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler – Rheinland-Pfalz und Saarland. 2. Auflage, München. (bearbeitet von Hans Caspary, Wolfgang Götz und Ekkart Klinge, überarbeitet und erweitert von Hans Caspary, Peter Karn und Martin Klewitz).
KÖHLER-SCHOMMER, Isolde (1990): Die Stephanskirche in Blieskastel-Böckweiler. Neuss. (= Rheinische Kunststätten, Heft 356).
SCHENK, Clemens (1953): Die Klosterkirche von Böckweiler. In: Bericht 6 der Staatlichen Denkmalpflege im Saarland – 1945/52. Saarbrücken, S. 57-82.
www.kunstlexikon-saar.de/artikel/-/boeckweiler-stephanskirche (Artikel „Blieskastel, Böckweiler, Protestantische Stephanskirche“ von Isolde Köhler-Schommer).

zum Seitenanfang



Die Bergbaukirche St. Hildegard in St. Ingbert

Wie stark der Bergbau hierzulande in das kulturelle Leben eingebunden war, zeigt sich in besonders augenfälliger Weise in der Architektur des St. Ingberter Kirchenbaus St. Hildegard. Infolge der Industrialisierung stiegen die Einwohnerzahlen St. Ingberts sehr rasch, wodurch auch neue Gotteshäuser für die überwiegend katholische Bevölkerung notwendig wurden. Im Mai 1927 wurde die Pfarrei St. Hildegard, benannt nach der Mystikerin Hildegard von Bingen (1098–1179), gegründet. Der erste Spatenstich zum Bau einer eigenen, angemessen großen Pfarrkirche erfolgte im September 1928. Bereits ein Jahr später, am 22. September 1929, wurde die neue Kirche eingeweiht.

St Hildegard IGB 1 Slotta kleinSt Hildegard IGB 2 Slotta kleinSt Hildegard IGB 3 Slotta kleinDie Entwürfe für das Gotteshaus stammen von Landesbaurat Prof. Albert Boßlet (1880–1957), der zu jener Zeit bereits als Architekt zahlreicher katholischer Kirchen über die Grenzen hinaus bekannt war. Boßlet gilt als Vertreter der Heimatschutzarchitektur, was sich bei St. Hildegard sowohl in der Verwendung regionaltypischer Baumaterialien als auch in architektonischen Bezügen zum Bergbau äußert. In St. Ingbert verband er die neuen technischen Möglichkeiten des Industriezeitalters mit den traditionellen Formen des Kirchenbaus.

Boßlets konstruktivistisches Baukonzept erkennt man bei St. Hildegard an den mit rotbraunen Klinkersteinen umhüllten kubischen Baukörpern, deren Flächigkeit durch kleine stereometrische Elemente und die reliefartige Gestaltung perspektivischer Spitzbogen durchbrochen wird. Die Gliederung der Außenwände erfolgt durch mehrere kleine rechteckige oder dreieckige Fenster, die vertikal übereinander gereiht sind. Die westliche Außenwand und der Chor im Inneren der Kirche weisen mit ihren spitzbogenförmigen Ausschnitten die gleichen motivischen Gestaltungsprinzipien auf.

Die unterschiedliche Länge der Seitenschiffe ist Ausdruck einer asymmetrischen Baukonzeption, wobei wiederkehrende Formen zwischen den weiteren heterogenen Baukörpern (Eingangshalle, Langschiff, Chor, Turm, Turmloggia und Pfarrhaus) vermitteln. Das Langhaus, somit auch das Gestühl, ist axial auf den Altar ausgerichtet – die neuen liturgischen Bestrebungen der Christozentrik wurden an diesem modernen Kirchenbau noch nicht realisiert.

St Hildegard IGB 4 Slotta kleinDer hohe, weit geöffnete Innenraum erinnert an den bergmännischen Ausbau einer untertägigen Strecke. Die Nähe zur Bergarbeitersiedlung und zur ehemaligen Grube St. Ingbert unterstützt dieses assoziative Bild. Ausgehend von der horizontalen Unterteilung der Mittelschiffwand verlaufen Eisenbetonrahmen trapezförmig über die flache Decke. Dieses auffallende Motiv im Raumorganismus ist den „Türstockausbauten“ des Bergbaus nachempfunden und bereits zur Bauzeit von St. Hildegard als bewusste Erinnerung an den in St. Ingbert damals noch umgehenden Bergbau verstanden worden.

Auch die verwendeten Baumaterialien, insbesondere der Stahlbeton und der rotbraune Klinker als Verblendmaterial, betonen die Verbundenheit mit dem Bergbau und der Industrie. Zudem unterstreichen die Materialien auch die geometrisch zurückhaltenden Formen, die bei St. Hildegard zu ihrer eigenen Sprache finden.

Die Kirche spiegelt keine unerbittliche Rückbesinnung auf traditionsreiche Baustile wider, wie es an zeitgleich entstandenen Sakralbauten des Historismus häufig in Erscheinung tritt, sondern beweist einen Brückenschlag zwischen funktionalistischer Moderne und Tradition. Darüber hinaus ist St. Hildegard ein gelungenes Bekenntnis zur Region durch kulturelle Adaption.


Text:
Delf Slotta, Isabelle Jost

Fotos:
Delf Slotta

Weiterführende Literatur:
BECKER, Harald (2000): Ein asketisches Gotteshaus aus rotbraunem Industrieklinker mit konsequent schnörkelloser Architektur. In: Saarbrücker Zeitung, Ausgabe St. Ingbert, Nr. 214 vom 14.09.2000, S. L1.
GROH, Marianne (1998): Die Kirche St. Hildegard in St. Ingbert, ihre Entstehungszeit und ihre Schutzheilige. (Hrsg.: Kath. Pfarramt St. Hildegard). St. Ingbert.
KATHOLISCHES PFARRAMT ST. HILDEGARD (Hrsg.) (2002): 75 Jahre Pfarrei St. Hildegard. 1927–2002. St. Ingbert.
SLOTTA, Delf (2006): Mensch und Bergbau – Kultur und Tradition. Das kulturelle Leben an der Saar ist bergmännischen Ursprungs. In: Bergbaumuseum Wurmrevier e.V. (Hrsg.): Anna. Berichte – Mitteilungen – Nachrichten, Nr. 24. Alsdorf, S. 4-20.
SLOTTA, Delf (2011): Der Steinkohlenbergbau an der Saar und sein bauliches Erbe. Technische Denkmäler und architektonische Kostbarkeiten im saarländischen Bergbaurevier. In: RAG Aktiengesellschaft (Hrsg.): Bergmannskalender 2011. Herne und Saarbrücken, S. 68-137.
SLOTTA, Delf (2012): Der Steinkohlenbergbau an der Saar – seine Geschichte und sein bauliches kulturelles Erbe. In: Pohmer, Karlheinz (Hrsg.): Der saarländische Steinkohlenbergbau, Band 2. Dokumentation seiner historischen Bedeutung und seines kulturellen Erbes. Dillingen, S. 120-185. zum Online-Shop

zum Seitenanfang



Die Schinkelkirche in Bischmisheim

Die evangelische Pfarrkirche in Bischmisheim ist ein frühklassizistischer Sakralbau, der 1822–1824 von einem der wichtigsten Baumeister des 19. Jahrhunderts, Karl Friedrich Schinkel (1781–1841), geplant wurde, nachdem die Entwürfe des Architekten Johann Adam Knipper verworfen wurden. Karl Friedrich Schinkel war preußischer Oberlandesbaudirektor und prägte das Stadtbild Berlins. In Saarbrücken-Bischmisheim handelt es sich bei der Schinkelschen Ausführung um eine Ideallösung eines evangelischen Sakralbaus.

Pfarrkirche Bischmisheim 2 Delf Slotta kleinPfarrkirche Bischmisheim 1 Helmut Paulus kleinDer Zentralbau auf oktogonalem Grundriss ist eine perfektionierte Übersetzung des evangelischen Predigtgedankens in die Architektur und ermöglichte die optimale Nutzung der verfügbaren Fläche. Die ungewöhnliche, „moderne“ Raumkonzeption einerseits sowie die Erwartung eines traditionellen Kirchentypus andererseits, riefen zur Erbauungszeit Ablehnung in der Gemeinde hervor. Durch die Verwendung von Bruchsandsteinquadern und die paarweise Anordnung von Rundbogenfenstern in den zweigeschossigen Oktogonseiten, tritt die schlichte Eleganz und harmonische Symmetrie in den Vordergrund. Ferner betont ein umlaufendes Gesimsband als Gliederungselement die Zweigeschossigkeit. Entsprechend der klassizistischen Harmonieästhetik, verzichtete Schinkel auch im Eingangsbereich darauf, das Portal auf ein Segment zu reduzieren. Stattdessen findet man, angeglichen an die gedoppelten Fensterachsen, zwei rundbogig geführte Portale, die dezente Überfangbogen als Dekor aufweisen. Ein flaches Zeltdach mit achteckiger Laterne und Pyramidendach dient als Beschirmung des Bauwerks.

Das Innere wird von einer im gleichseitigen Achteck umlaufenden Empore beherrscht, die von acht korinthischen Säulen getragen wird. Dadurch wird auch der Innenraum in zwei Geschosse separiert. Über der Empore erheben sich weitere acht Säulen, auf denen das Deckengebälk aufliegt. Der Mittelgang führt vom nordöstlichen Eingangsbereich auf den Altar zu, der nicht im Zentrum der Kirche postiert, sondern in Richtung Südwesten gerückt ist. Damit wird dem Zentralbau, ebenso der liturgischen Christozentrik im Sinne Martin Luthers, eine longitudinale Ausrichtung entgegengesetzt. Die Trias der Prinzipalstücke, bestehend aus Altar, Kanzel und Orgel, ist am Ende der Grundrisslinie axial gestaffelt. Dahinter befindet sich die Sakristei, zu der eine rückwärtige Tür führt. Die aufs Zentrum ausgerichtete Anordnung des Gestühls unterstützt ebenfalls den Charakter einer evangelischen Predigtkirche. Um die Prinzipalstücke zu staffeln, war es notwendig, das Gestühl im unteren Bereich des Innenraumes sowie auf der Empore zu unterbrechen.

Pfarrkirche Bischmisheim 3 Ulrich Hoefer kleinPfarrkirche Bischmisheim 4 Thomas Kunz kleinÜber die frühere Farbigkeit des Raumes ist nur wenig bekannt. Es kann in Betracht gezogen werden, dass die jüngste farbige Ausstaffierung, durch Zuhilfenahme der Schinkelschen Entwürfe, den Versuch verrät, eine zeitgemäße Sanierung vorzunehmen und dennoch den ursprünglichen Habitus zu bewahren. Die evangelische Pfarrkirche in Bischmisheim ist im Saarland ein einzigartiges Zeugnis klassizistischer Bautypologie. Im Jahr 2010 wurde am Treppenaufgang zum Kirchhof eine Stele zu Ehren Karl Friedrich Schinkels aufgestellt. Das Ehrenmal wurde im Rahmen der Aktion „Erinnerungsorte“ der Saarländischen Gesellschaft für Kulturpolitik, mit Unterstützung der Landeshauptstadt Saarbrücken, der Stiftung Schinkelkirche und dem Kulturring Bischmisheim, errichtet.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Helmut Paulus (oberes Foto links), Delf Slotta (oberes Foto rechts), Ulrich Höfer (unteres Foto links), Thomas Kunz (unteres Foto rechts)

 

Weiterführende Literatur:
KARG, Werner (2006): Aus der Geschichte Neues entwickeln. Begleitheft zur Ausstellung „Vorbilder zur Bischmisheimer Schinkelkirche und die Entwicklung des Zentralbaus in der sakralen Architektur“ im ev. Gemeindehaus in Bischmisheim im August 2006 (anlässlich des 225. Geburtstages von Karl Friedrich Schinkel im Jahre 2006). Saarbrücken-Bischmisheim.
KEGEL, Ute (2011): Schinkels Idealbau einer evangelischen Dorfkirche. Das Oktogon von Bischmisheim. Karlsruhe.
KLEWITZ, Martin (1969): Die ev. Pfarrkirche zu Bischmisheim. München, Berlin. (= Schriftenreihe „Große Baudenkmäler“, Heft 239).
SAAM, Rudolf (1966): Die Schinkelkirche zu Bischmisheim. In: Saarbrücker Hefte, Heft 23, S. 31-51. (Hrsg.: Kultur- und Schulamt der Stadt Saarbrücken).
STIFTUNG SCHINKELKIRCHE BISCHMISHEIM (Hrsg.) (2010): Stiftung Schinkelkirche Bischmisheim. Saarbrücken-Bischmisheim. (Faltblatt).

zum Seitenanfang



Die Stiftskirche St. Arnual

Um das Jahr 600 schenkte der Merowingerkönig Theudebert II. dem Metzer Bischof Arnual das Dorf Merkingen (später St. Arnual) und ermöglichte ihm damit, an dem schon zur Römerzeit bedeutenden Saarübergang einen weiteren Stützpunkt des Bistums zu errichten. Über den Ruinen einer römischen Stätte wurde im 6./7. Jahrhundert eine Kirche erbaut, die womöglich auch als Grablege des Bischofs Arnual diente. Im 9./10. Jahrhundert wurde der ursprüngliche Sakralbau durch eine romanische Basilika ersetzt. In diese Zeit fällt auch die Einrichtung des Kollegiatstifts der Kanoniker, die nach den Regeln der Augustiner-Chorherren lebten. Das Stift wurde bald Zentrum der Christianisierung an der Mittleren Saar und übernahm eine bedeutende Rolle in der Seelsorge.

31 StiftskircheSt. Arnual Garten bearbeitet
Im Jahr 1135 wurde das Stift erstmals urkundlich bezeugt und im gleichen Jahrhundert dem Schutz der Grafen von Saarbrücken unterstellt. Aufgrund konfessioneller Differenzen nach der Reformation wurde es säkularisiert und später in ein evangelisches Stift umgewandelt. Seit 1575 gehört die Stiftskirche St. Arnual der Evangelischen Kirchengemeinde St. Arnual an.

Die heutige gotische Stiftskirche hat durch einen Neubau über den alten Fundamenten im 13. und 14. Jahrhundert die romanische Vorgängerkirche ersetzt. Um 1395 war die dreischiffige Basilika fertiggestellt. An das fünfjochige Langhaus (Joch = durch je vier Stützen gebildeter Gewölbeabschnitt eines Kirchenschiffes) schließt nordöstlich ein Querschiff und dahinter der Chor mit polygonalem 5/8-Schluss an; der Kirchturm ist auf der Südwestseite in das Langhaus einbezogen. Querhausarme und Vorhalle werden von Dreiecksgiebeln abgeschlossen, wobei das dem Turm vorgelagerte Bauglied ursprünglich einen Altan (balkonartiger Ausbau im Obergeschoss eines Bauwerks) besaß. Während die Innenraumdecken mit Kreuzrippengewölben ausgestattet sind, erhebt sich die – im Sinne der deutschen Reduktionsgotik (von Kunsthistoriker Georg Dehio bezeichnete Tendenz der Gotik, deren Schlichtheit sich vor allem in den Sakralbauwerken der Bettelorden zeigt) gestaltete – Hochschiffwand über einer spitzbogigen Scheinarkadenzone. Auf der Südseite sind die Umfassungsmauern des Kreuzganges erhalten.

Im 16. Jahrhundert sorgte ein folgenschwerer Umbau für den Einsturz der Gewölbe. Die geplanten Strebebögen, die zur Ableitung des Gewölbeschubs ins Fundament nahezu unabdingbar sind, wurden nicht ausgeführt. Bis Ende des 17. Jahrhunderts konnte die Stiftskirche nur eingeschränkt für Gottesdienste genutzt werden. Erst unter der Leitung von Barockbaumeister Friedrich Joachim Stengel (1694–1787) wurden umfassende Sanierungsarbeiten umgesetzt, die aber nur bedingt die Schäden regulieren konnten. Die barocke Turmhaube ist ebenfalls auf den fürstlichen Generalbaudirektor Stengel zurückzuführen.

Stiftskirche Tumba bearbeitetIm Inneren birgt die Stiftskirche 37 Grabdenkmäler aus dem 15. bis 18. Jahrhundert in Form von Hoch- und Standgrabmälern sowie Epitaphien (Denkmäler mit Inschrift zur Erinnerung an Verstorbene); weitere Grabmale befinden sich im Bereich des Kreuzganges. In der Chormitte steht die Tumba der Elisabeth von Lothringen, Gräfin von Nassau-Saarbrücken († 1456), die als erstes Mitglied der Fürstenfamilie die Stiftskirche als Grablege wählte. Bis 1647 wurden weitere Angehörige des Adelshauses hier beigesetzt. In der Nordwestecke steht die große, dreifigurige Tumba des Grafen Johann III. († 1472) und seiner beiden Gemahlinnen, Johanna von Loen-Heinsberg und Elisabeth von Württemberg.

Zur Ausstattung des Gotteshauses trug auch der ungarische Architekt und Glasmaler György Lehoczky (1901–1979) bei, der ab den 1950er-Jahren sein künstlerisches Schaffen an der Saar auslebte. 1952–1957 fertigte er insgesamt sieben Entwürfe für drei Chorfenster und vier Querhausfenster der Stiftskirche.

In den Jahren 1982–1994 erfolgte wegen akuter Einsturzgefahr eine grundlegende Sanierung des Baudenkmals. Nach Abschluss der Arbeiten waren die Konstruktionsmängel endgültig behoben. Bei der Erneuerung der Bodenplatten im Mai 1991 wurde in der Nordwestecke der Vorhalle, dicht unter dem alten Steinplattenbelag, eine Madonnenstatue mit zum Teil erhaltener farbiger Fassung gefunden. Archäologische Grabungen im Kreuzgangbereich fanden in den Jahren 1996–2004 statt.   


Text:

Isabelle Jost

Fotos:
Sarah Halbfeld (oberes Foto 1), Isabelle Jost (übrige Fotos)

Weiterführende Literatur:
HERRMANN, Hans-Walter (Hrsg.) (1998): Die Stiftskirche St. Arnual in Saarbrücken. (= Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, Band 130).
HERRMANN, Hans-Walter / SELMER, Jan (Hrsg.) (2007): Leben und Sterben in einem mittelalterlichen Kollegiatstift. Archäologische und baugeschichtliche Untersuchungen im ehemaligen Stift St. Arnual in Saarbrücken. Saarbrücken. (= Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Band 43). zum Online-Shop
MARSCHALL, Hans-Günther (2001): Stiftskirche St. Arnual. Saarbrücken.
MARSCHALL, Kristine / MARSCHALL, Hans-Günther (2007): Stiftskirche St. Arnual in Saarbrücken (Saarland). Saarbrücken. (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals“). Datei zum Download (PDF)
VOLKELT, Peter (1978): Die Stiftskirche St. Arnual in Saarbrücken. Neuss. (= Rheinische Kunststätten, Heft 89).

zum Seitenanfang



Die Deutschherrenkapelle in Saarbrücken

Die Deutschherrenkapelle im Stadtteil Alt-Saarbrücken gilt als ältestes Gebäude der Landeshauptstadt Saarbrücken und wurde einst im Zusammenhang mit der Gründung der Saarbrücker Kommende (auch Komturei oder Komtur: kleinste Verwaltungsstruktur innerhalb der Ordensprovinz der Deutschherren) gebaut, die der Heiligen Elisabeth geweiht ist. Das Patronat geht auf eine Thüringer Markgräfin (1207–1231) zurück, die heute noch als Patronin der Caritas verehrt wird. Die Deutschherren gründeten sich 1190 (während des dritten Kreuzzuges 1189–1192) aus einem norddeutschen Spitalorden. Dieser Orden wurde 1198 zu einem Ritterorden ernannt, der in der Organisationsstruktur zunächst dem Templer- und Johanniterorden glich. Die Kommende war der Ballei (Provinz eines Ritterordens mit mehreren Ordensniederlassungen) Lothringen zugeordnet, zu der auch Saarburg, Trier, Metz und Beckingen gehörten. Die Tätigkeit des Deutschherrenordens in Saarbrücken kann als bedeutende Tradition karitativer Funktionen in unserer Region angesehen werden.

Deutschherrenkapelle zusIm Jahr 1227 veranlasste der Saarbrücker Graf Simon III. (1168–1233) mit einer Güterschenkung die Gründung der Deutschordenskommende in Saarbrücken. Seine Teilnahme am fünften Kreuzzug 1217–1219 dürfte den Grafen zu dieser Stiftung veranlasst haben. Der Bau der Kapelle war vermutlich vor 1248 abgeschlossen. Die offizielle Niederlassung erfolgte allerdings erst 1263. Dass es sich bei der erhaltenen Kapelle der Kommende um den ersten gotischen Bau im Saarland handelt, ist nur wenigen bekannt. Die Wirtschaftstrakte, die Kapelle und das Ordenshaus lagen in einem umwehrten Bereich.

Die Kommende war durch weitere Schenkungen rasch zu einem begüterten Grundbesitz gelangt. Sie verfügte über das Privileg landesherrschaftlicher Steuerbefreiung und eine eigene Gerichtsbarkeit. Im 16. Jahrhundert begannen jedoch beschwerliche Jahre für den Orden. Auf dem Durchzug nach Metz wurde die Komturei im Jahr 1518 durch Reichsritter Franz von Sickingen (1481–1523) geplündert. Zur Zeit der Reformation (1517–1648) musste sich das Ordenshaus dem Verbot des katholischen Gottesdienstes beugen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Niederlassung von französischen und schwedischen Truppen geplündert. Selbst nach Eintritt des Westfälischen Friedens hielten die Auseinandersetzungen zwischen der Saarbrücker Landesherrschaft und dem Deutschherrenorden an. Ende des 17. Jahrhunderts war die Eigenständigkeit der Kommende bereits aufgehoben, die nun Trier unterstand. Mit der Säkularisierung der Kirchengüter durch Ludwig XIV. (1638–1715) war der Deutschorden in Saarbrücken endgültig Geschichte. Der gesamte Besitz wurde daraufhin an Privatleute versteigert. Der endgültige Niedergang der Ordensniederlassung folgte nach der Französischen Revolution im Jahr 1793.

Das Deutschherrenhaus (das ehemalige Wohnhaus des Komturs) wurde bis zum Ankauf der Stadt um 1870 als Bauernhof genutzt, wobei die Kapelle als Zehntscheune fungierte. Mit der städtischen Besitzübernahme wurde auch der verfallene gotische Turm an gleicher Stelle wiedererrichtet. 1898 wurde in den Gebäuden ein Waisenhaus untergebracht, es dient heute als Jugendhilfezentrum. Die nachfolgenden Nutzungen der ehemaligen Ordensniederlassung waren von der tradierten Mission der Armen- und Krankenpflege geprägt.

Deutschhaus DetailDeutschherrenkapelle Tür
Über die Anordnung und das Äußere ist infolge der nicht mehr nachvollziehbaren Bauabschnitte der mittelalterlichen Anlage nur wenig bekannt. Das annähernd quadratische Schiff der zwischen 1227 und 1248 erbauten Deutschherrenkapelle ist über ein spitzbogiges Hauptportal im Süden sowie ein weiteres nördliches Portal zugänglich. Im Westen öffnet sich ein profan wirkender, verputzter Saal mit Flachdecke, der vermutlich als Krankensaal diente. Hieran schloss sich ein einjochiger Raum an, der im polygonalen 5/8-Schluss mündet. Außen wird der Chor von Strebepfeilern gestützt. Die Ordenskapelle war, ähnlich der „Wintringer Kapelle“, eine bekannte Pilgerstation auf dem Jakobsweg. Die Ordenskapelle in Saarbrücken beherbergte über viele Jahre hinweg einen vergoldeten Altar des Künstlers Jost Haller (um 1450). Das kostbare Stück wurde im 17. Jahrhundert ins Inventar der Prämonstratenserabtei Wadgassen aufgenommen.

Auch heute noch verweisen zahlreiche Straßennamen in Saarbrücken auf die weitläufige Besitzstreuung der Komturei: Komturstraße, Deutschmühlental, Deutschhausweg, Deutschherrenstraße, am Ordensgut etc. In der Denkmalliste des Saarlandes finden sich die Deutschherrenkapelle und das Deutschhaus als Einzeldenkmale, die umliegenden Bebauungen wie das 1557–1561 entstandene Deutschhaus und die Zehntscheune von 1738 sind als Ensemblebestandteile erfasst.

Der Kapelle kam in den vergangenen Jahren wieder die gebührende Aufmerksamkeit zu. Die 1994 gegründete Vereinigung „Historisches Ordensgut e.V.“ übernahm die Zuständigkeit für die Erhaltung des Denkmals. Vor wenigen Jahren erfuhr die Deutschherrenkapelle eine erhebliche kulturelle Aufwertung durch die aus dem Buckingham-Palace stammende Johann-Christian-Bach-Orgel. Im gleichen Jahr wurde der restaurierte Sakralbau wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und kann für Veranstaltungen angemietet werden.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
CONRAD, Joachim (1993): Die Deutschordenskommende St. Elisabeth. In: Conrad, Joachim / Flesch, Stefan (Hrsg.): Burgen und Schlösser an der Saar. 3. Auflage, Saarbrücken, S.164-165.
FLESCH, Stefan / CONRAD, Joachim / BERGHOLZ, Thomas (Hrsg.) (1986): Mönche an der Saar. Die mittelalterlichen Ordensniederlassungen im saarländisch-lothringischen Grenzraum. Saarbrücken.

zum Seitenanfang



Die Ludwigskirche und der Ludwigsplatz in Alt-Saarbrücken

Die Ludwigskirche als lutherische Pfarr- und Hofkirche wurde 1762–1775 von dem in Zerbst (Anhalt) geborenen Friedrich Joachim Stengel (1694–1787) erbaut. Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken (1718–1768) beauftragte Generalbaudirektor Stengel, eine Platzanlage in Form einer „Place Royale“, wie sie im 17. und 18. Jahrhundert als Bauaufgabe in Frankreich angesehen wurde, zu entwerfen. Im SaarLorLux-Raum kann die 1752–1755 entstandene „Place Stanislas“ in Nancy als Inbegriff einer solchen „Place Royale“ genannt werden, die Wilhelm Heinrich bei Bereisungen des benachbarten Lothringens und Besuchen des polnischen Königs und späteren Herzogs von Lothringen, Stanislaus Leszczyński, auch zum Bauvorhaben in Saarbrücken inspirierte.

Ludwigskirche Roth kleinDie Ludwigskirche, ein Meisterstück protestantischen Kirchenbaus, wurde mit der umliegenden Platzanlage als ein geschlossenes Gesamtkunstwerk entworfen. Im Zentrum der Anlage steht jedoch nicht wie in einem „forum regium“ das Standbild eines absolutistischen Herrschers, sondern, hier transzendiert, das Gotteshaus. Die feierliche Grundsteinlegung der Kirche erfolgte am 4. Juni 1762. Die lange Bauzeit begründete sich unter anderem durch die hohe Verschuldung der Residenz, die vor allem mit den Erweiterungen und Restaurierungen der Stadt unter Wilhelm Heinrich verbunden war.

Parallel zur Errichtung der Ludwigskirche wurde die Peripheriebebauung realisiert. Nach dem Tod Wilhelm Heinrichs im Jahr 1768 wurde das Kirchenbauwerk unter seinem Sohn, Fürst Ludwig (1745–1794), vollendet, worauf eine Inschrift im Tympanon des Ostportals hinweist. Diese Umstände schufen die Voraussetzung für die Namensgebungen. Feierlich geweiht wurde die lutherische Kirche am 25. August 1775, dem „Ludwigstage“. Die langrechteckige Platzanlage erhielt offiziell den Namen „Wilhelmsplatz“; im Laufe der Jahre bürgerte sich jedoch die Bezeichnung „Ludwigsplatz“ ein. Wilhelm Heinrich galt als toleranter Herrscher, der die freie Religionsausübung erlaubte, zwischen evangelisch-lutherischem und evangelisch-reformiertem Bekenntnis vermittelte und darüber hinaus den Bau katholischer Kirchen finanziell förderte.

Ludwigsplatz Jost kleinDie städtebaulichen Achsbezüge des Stengelschen Entwurfs bestanden zum einen von der exakten Mitte des Kirchengrundrisses über die gerade in Richtung Osten führende Wilhelm-Heinrich-Straße bis zur evangelischen Kirche in St. Johann (auf der rechten Saarseite) und zum anderen vom Palais Doeben an der südlichen Platzseite über das Platzzentrum und das Grundstück der heutigen Staatskanzlei an der Nordseite bis zu einem kleinen Lustschloss auf dem Ludwigsberg. Die ost-westliche Gerade wurde der Bebauung am Ludwigsplatz als primäre Symmetrieachse zugrunde gelegt. Die rechteckige Anlage wurde von Gebäuden vier verschiedener Bautypen gesäumt. An den Längsseiten wurden die Palais angelegt, während die Stirnseiten des Platzes von öffentlichen Gebäuden begrenzt wurden. Als westlicher Querriegel diente das Armen-, Zucht-, Siechen- und Waisenhaus (später: Comeniushaus; heute: Hochschule der Bildenden Künste Saar). Die Bebauung an der östlichen Stirnseite des Platzes (hier war ursprünglich das Ludwigsgymnasium untergebracht) wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute befindet sich hier eine große Freitreppe.

Ludwigskirche Halbfeld kleinDie Grundrissorganisation der lutherischen Kirche resultiert aus der Synthese des protestantischen Querkirchentypus und einem Zentralbau in der Form des griechischen Kreuzes. Das architektonische Konzept wurde aus einem Kreis mit Triangulatur und Quadratur entwickelt, d.h. die Maßstäbe basierten auf der Grundlage von Abmessungen geometrischer Figuren. Zur Rhythmisierung der Fassaden tragen, neben Portalrisaliten und scharnierartiger Eckquaderung, auf hohen Postamenten stehende ionische Pilaster „deutscher Ordnung“ (barocke Variante der ionischen Säulenordnung) sowie Halbrundsäulen mit Feston-Kapitellen (mit girlandenartigen Ornamenten verzierte Säulenköpfe) bei. Hohe Schweifbogenfenster, die durch ihren – einem Rocaille (Muschelwerk) ähnlichen – Dekor mit den darüberliegenden Ovalfenstern eine Einheit bilden, bestimmen das spätbarocke Erscheinungsbild. Die Wandflächen werden zudem durch die Sequenzierung der quer- und hochovalen Oberlichter und die querovalen Öffnungen in der Sockelzone belebt.

In den abgeschrägten Polygonseiten zwischen Quersaal und Annexen stehen in Wandnischen die Figuren der vier Evangelisten. Die Dachzone ist hinter einer umlaufenden Attika-Balustrade mit reichem ikonographischen Programm, Flammen-Vasen und Amortissements (Aufsatz, Bekrönung) über den Portalen zurückgesetzt. Fürst Ludwig veranlasste, dass seine Eigenschaften als Regent und die Tugenden in der allegorischen Umsetzung Ausdruck finden. So weisen die Statuen von Fides (Glaube, Treue), Caritas (Liebe, Fürsorge) und Spes (Hoffnung) auf die christlichen Tugenden hin. Die Nordfassade wird von einem Amortissement mit einem Medaillon Wilhelm Heinrichs bekrönt. Dem West-Annex vorgestellt ist der im Grundriss quadratische Turm, dessen Obergeschoss als ein mit einer Balustrade abgeschlossenes Oktogon ausgebildet ist.

Ludwigskirche innen Jost kleinDer helle Innenraum verdeutlicht die Ausführung eines durchdachten Konzepts und offenbart die Liebe Stengels für das Detail. Von der fast zentrierten Anordnung des Kanzelaltars, über die von Karyatiden-Hermen (Stützen in Form einer weiblichen Büste auf vierkantigem, sich nach oben verjüngendem Sockel) getragenen Emporen bis hin zur Orgel- und Quadrumsgestaltung, wirkt der Raum im Gesamteindruck sehr festlich. Die Rocaille-Ornamentik an Orgelprospekt und Deckengewölbe illustriert die Wechselwirkung zwischen ruhigen und bewegten Formen – zwischen Spannung und Dynamik. In allen Kreuzarmen sind Emporen ausgebildet. Die Empore im Osten enthält die vor wenigen Jahren rekonstruierte Fürstenloge. Fürst Ludwig ließ unter dem West-Annex eine Gruft anlegen, die aber nie als Begräbnisstätte diente. Im Achsen-Schnittpunkt des Baues und zugleich im Zentrum der gesamten Platzanlage liegt das symbolische Gottesauge im Strahlenkranz.

Als der junge Dichter Johann Wolfgang von Goethe 1770 nach Saarbrücken kam, konstatierte er in seinem 1808–1831 entstandenen Werk „Dichtung und Wahrheit“: „Mitten auf einem schönen, mit ansehnlichen Gebäuden umgebenen Platze steht die lutherische Kirche, in einem kleinen, aber dem Ganzen entsprechenden Maßstabe“. Das Zitat Goethes ist in jeder Hinsicht zutreffend, wenn man die schwierigen städtebaulichen Voraussetzungen, denen Stengel mit einer architektonischen Glanzleistung begegnete, in Augenschein nimmt. Es ist leider bis heute nicht erwiesen, ob die Ludwigskirche sich zur damaligen Zeit in farblichem Einklang mit der Peripheriebebauung zeigte.

Am 5. Oktober 1944 wurde die Ludwigskirche weitgehend zerstört. Auch die Gebäude des Ludwigsplatzes brannten nach den Bombenangriffen auf Alt-Saarbrücken fast vollständig aus. Der Wiederaufbau erfolgte ab 1947, im Innenausbau zunächst in zeitgenössischer Prägung, dann ab 1966 bis 1982 als Rekonstruktion des spätbarocken Innenraums. Die Emporen und der „Fürstenstuhl“ wurden erst in den Folgejahren wiederaufgebaut.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Emanuel Roth (oberes Foto 1), Isabelle Jost (Foto 2 und untere Fotos 4, 5 und 6), Sarah Halbfeld (Foto 3)

Weiterführende Literatur:
HEINZ, Dieter (1979): Ludwigskirche zu Saarbrücken. Mit einem Vorwort von Karl Lohmeyer. 2. Auflage, Saarbrücken.
HEYDT, Horst (1993): Ludwigsplatz und Ludwigskirche zu Alt-Saarbrücken. Höhepunkt und Abschluss des evangelischen Kirchenbaus im Spätbarock. Saarbrücken-Dudweiler. (Kunsthistorische Reihe des Landesinstituts für Pädagogik und Medien).
KLOEVEKORN, Fritz (1961): Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Saarbrücken. Saarbrücken.
OBERHAUSER, Fred (1999): Das Saarland. Kunst, Kultur und Geschichte im Dreiländereck zwischen Blies, Saar und Mosel. Köln. (= DuMont Kunst-Reiseführer).

zum Seitenanfang



Die Friedenskirche in Saarbrücken

Die Friedenskirche in Saarbrücken war der erste große Sakralbau in Nassau-Saarbrücken, der unter der Leitung des Architekten Friedrich Joachim Stengel (1694–1787) ausgeführt wurde. Das Gotteshaus wurde in den Jahren 1743–1751 für die reformierte Gemeinde und zu Ehren der Mutter des Fürsten Wilhelm Heinrichs (1718–1768), Charlotte Amalie von Nassau-Usingen (1680–1738) erbaut. Es handelte sich hierbei auch um den ersten kirchlichen Neubau seit der Regentschaft des jungen Fürsten. Am 12. Juni 1743 wurde der Grundstein für die reformatorische Kirche gelegt. 1743 wurde der reformierten Gemeinde das eigentliche Recht der freien Religionsausübung zugesprochen. Finanziert wurde das Bauvorhaben mithilfe von Stiftungen sowie Kollekten aus England und der Niederlande.

Friedenskirche IsabelleFriedenskirche Isabelle
Bis zum Jahr 1793 bestand die „Wilhelmstraßer Kirche“ in der Stengel´schen Fassung fort. Im Zuge der Französischen Revolution wurde der Sakralbau von Jakobinern entweiht und zum „Tempel der Tugend“ ernannt. Leider gingen in den Wirren des Krieges auch die Aufzeichnungen und Originalpläne des fürstlichen Baudirektors verloren. 1820 wurde die Kirche für die Unterbringung eines Schulhauses sowie eines Teils der Räumlichkeiten des Gymnasiums am Ludwigsplatz (heute Ludwig-Gymnasium) umgebaut. Die Anpassung an die neue Zweckbestimmung des Gebäudes führte zur Profanisierung.

Im Jahr 1892 erhielt das Ludwig-Gymnasium einen eigenen, größeren Neubau in der Hohenzollernstraße. Nach dem Umzug der schulischen Einrichtungen wurde noch im gleichen Jahr ein Baugesuch für das freistehende Objekt eingereicht. Darin bat der Kirchenvorstand der altkatholischen Gemeinde um den Umbau des Gymnasialgebäudes zu einem Gotteshaus. Die neue altkatholische Kirche war bereits 1893 weitestgehend fertiggestellt. In der Festpredigt wurde das Gotteshaus mit den Worten „Möge sie eine Friedensstätte werden und Frieden geben jedem, der sie betritt!“ eingeweiht, woraufhin sie den Namen „Friedenskirche“ erhielt.

Der Sakralbau in der Rekonstruktion nach Stengel ist eine Quersaalkirche, d.h. sie besitzt einen rechteckigen Grundriss und ist an der Querachse orientiert. In der Baugliederung ist zu erkennen, dass der Besucher die zwei Haupteingänge durch den Portalrisalit von der nördlichen Wilhelm-Heinrich-Straße aus betreten kann. Zu den Seiten wird der Risalit von hohen Stichbogenfenstern begleitet. Pilaster, Lisenen, Gesimse und Gebälk treten nur leicht vor die Gebäudeflucht. Der Risalit wird über dem Gebälk von einem Dreiecksgiebel mit querovalem Fenster abgeschlossen. Ein Krüppelwalmdach mit dreieckigen Dachfenstern schließt das Querhaus ab.

Im Gegensatz zur prachtvollen Ludwigskirche, dem Meisterwerk und Meisterstück Stengels, ist die Friedenskirche von zurückhaltenden, barocken Formen geprägt. Analog zu den Palais des Ludwigsplatzes weist die Friedenskirche stilistische Parallelen auf, wie sie an Portalrisaliten mit bekrönenden Dreiecksgiebeln und Eckquaderungen der Fassaden zu erkennen sind. Die für Stengel typischen ovalen Fenster, die das charakteristische Bild der Ludwigskirche prägen, wurden an der Friedenskirche lediglich über den Seitenportalen und im Frontispiz (Giebeldreieck über einem Risalit) in sehr schlichter Ausführung umgesetzt. Der viergeschossige Turm steht an der südlichen Seite, von Weitem ist einzig das kleine, polygonale Glockengeschoss mit geschweifter Haube zu sehen.

Friedenskirche 3 IsabelleDie Nord-Süd-Achse führt den Besucher unmittelbar in den Innenraum zu den zentriert angeordneten Prinzipalstücken Altar und Kanzel. Über den östlichen und westlichen Seitenportalen wurden Emporen eingezogen, während über dem Eingangsbereich das Orgelprospekt angebracht wurde. 

Durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg wurde die Friedenskirche bis auf die Grundmauern zerstört, lediglich der Turm hielt den zerstörerischen Angriffen stand. Bereits kurz   nach Kriegsende wurden einige Versuche unternommen, Rekonstruktionsskizzen der Stengel´schen Urfassung anzufertigen. Nachdem das Konservatoramt und das Kultusministerium der Wiederherstellung des ursprünglichen barocken Kirchenbaus zugestimmt hatten, wurde im Jahr 1962 ein Baugesuch des Staatlichen Hochbauamtes eingereicht.

Der Wiederaufbau der Friedenskirche wurde nach langem Studium der Stengel´schen Architekturtheorie ein Paradebeispiel für eine originalgetreue Rekonstruktion. Auch die Innenraumgestaltung orientierte sich an Plänen des fürstlichen Baudirektors, erhielt jedoch eine moderne Ausstattung. Heute ist uns die Friedenskirche im Sinne Stengels nach Plänen von Dipl.-Ing. Dieter Heinz erhalten. Die Friedenskirche konnte am 11. März 1967 wieder eingeweiht werden und dient als Simultankirche der griechisch-russisch-orthodoxen sowie der Altkatholischen Gemeinde.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
DITTSCHEID, Hans-Christoph (1975): Evangelischer Kirchenbau in Nassau-Saarbrücken. In: Die evangelische Kirche an der Saar. Gestern und heute. (Hrsg.: Kirchenkreise Ottweiler, Saarbrücken und Völklingen der Evangelischen Kirche im Rheinland). Saarbrücken. S. 139-195.
HEINZ, Dieter (1967): Entstehen und Wiedererstehen der Saarbrücker Friedenskirche. In: Festschrift zur Weihe der wiederaufgebauten Friedenskirche Saarbrücken am 11. März 1976. (Hrsg.: Katholische Kirchengemeinde für Alt-Katholiken an der Saar). Saarbrücken. S. 51-116.

zum Seitenanfang



Die Basilika St. Johann in Saarbrücken

An der Stelle der alten St. Johanner Kapelle wurde 1754–1758 die erste katholische Pfarrkirche nach der Reformation errichtet. Die Planung oblag dem fürstlichen Baumeister Friedrich Joachim Stengel (1694–1787), der seit 1735 in den Diensten Fürst Wilhelm Heinrichs tätig war. Die Gelder zur Förderung des Neubaus fielen großzügig aus. Neben Wilhelm Heinrich beteiligten sich auch König Ludwig XV. von Frankreich, die Königin von Polen (zugleich Kurfürstin von Sachsen), der Abt von Wadgassen sowie einige Reichsstädte an den Baukosten. Die Basilika St. Johann war Stengels fünfter Kirchenbau, der sich als einzige katholische Kirche in eine Reihe protestantischer Kirchen einfügt. Sie befindet sich im Mittelpunkt des Viertels von St. Johann, an der heutigen Ecke Türkenstraße/Katholisch-Kirch-Straße. 1975 konnte der Pfarrkirche der Rang einer „basilica minor“ zuerkannt werden.

97 basilika st.johannDie Basilika St. Johann ist dem Bautyp nach eine Saalkirche in gemäßigt barockem Stil. Bereits hier lassen sich die Tendenzen erkennen, die etwa ein Jahrzehnt später an der Saarbrücker Ludwigskirche zur ausgereiften Anwendung kamen. Die Langsaalkirche wird im Westjoch von einem Turm überragt und im Osten von einem gerade schließenden Chor begrenzt, dem 1907 ein neobarocker oktogonaler Anbau angeschlossen wurde, der als Sakristei der Kirche dient.

Der Eingangsbereich der Westfassade wird von einem reich ornamentierten Tympanon (Schmuckfläche im Bogenfeld eines Portals) mit Relief beherrscht. Die Gestaltung des Bronzeportals mit dem Eingangsbereich übernahm der Saarbrücker Künstler und Bildhauer Ernst Alt. Darüber liegt ein hochovales Fenster, umgeben von schmückendem Dekor. Gedoppelte Pilaster (flache Wandpfeiler mit Basis und Kapitell) auf hohem Postament (Sockel) flankieren die Portalzone. Das quaderförmige, mit Rundbogenfenstern in den Seitenachsen ausgestattete untere Geschoss schließt mit einem kräftigen Gebälk ab. Der Übergang zu den Turmgeschossen wird durch eine Attika (brüstungsartige Aufmauerung über dem Abschlussgesims) und durch sich in die Fuge einbettende Anschwünge hergestellt – ein Rückgriff des Baumeisters auf die Fassadenarchitektur des römischen Barock. Über der schmiedeeisernen Ziergitterbesetzung erhebt sich das obere Turmgeschoss in ähnlicher Aufgliederung, allerdings mit abgeschrägten Kanten. Es wird bekrönt von einem geschieferten Helm mit Laterne und Haube.

Die harmonisch strukturierten Langseiten sind vierachsig, wobei der zweiachsige Mittelrisalit mit Dreiecksgiebel von je einer Fensterachse begleitet wird. Die strenge Flächigkeit gegenüb98 basilika st.johanner den klaren vertikalen Elementen des Außenbaus kontrastiert ausgewogen mit der festlich anmutenden Ornamentik der Fenster.

Der helle Innenraum mit prächtiger Stuckdekoration (Rocaille) und zarter Profilierung besitzt eine Flachdecke mit Voute (Deckenkehle) und Spiegel.

Zwar blieb die Pfarrkirche von den Bombenangriffen im Jahr 1944 größtenteils verschont, doch der Innenraum der Kirche wird aufgrund vieler Instandsetzungsmaßnahmen dem Originalzustand nicht mehr gerecht. Seit 1975 wurde das Innere saniert und zum Teil rekonstruiert. Nach den Renovierungsarbeiten wurde die Orgelanlage dem Prospekt der Ludwigskirche nachempfunden.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
GÖTZ, Wolfgang (1995): Die Basilika St. Johann in Saarbrücken. Der einzige katholische Kirchenbau des Barockbaumeisters Friedrich Joachim Stengel. (Hrsg.: Landesinstitut für Pädagogik und Medien). Saarbrücken.
KÖLLING, Heinz (1998): Kleinod im Herzen der Stadt: Die Basilika St. Johann war Baumeister Stengels erstes Gotteshaus. In: Saarbrücker Zeitung, Ausgabe Saarbrücken-Mitte, Nr. 277 vom 28./29.11.1998, S. L11.
PRINZ, Matthias (1980): Saarbrücken – Basilika St. Johann. Ottobeuren.
SCHMEER, Walter (1977): Barockresidenzstadt Saarbrücken. (Hrsg.: Landeszentrale für Politische Bildung und Technische Unterrichtsmittel). Saarbrücken, S. 32-36.

zum Seitenanfang



Die Pfarrkirche Maria Königin in Saarbrücken

Im Hinblick auf das Marianische Jahr 1954 sollte, wie in einem Ausschreibungstext der Bauvorgabe erwähnt, in Saarbrücken-Rotenbühl eine „ausgeprägte Marienkirche“ entstehen. Inspiriert von Rudolf Schwarz´ Buch „Vom Bau der Kirche“, versuchte die Pfarrei zunächst den Auftrag ohne Wettbewerb an Rudolf Schwarz zu vergeben. Dagegen sprach sich allerdings die Landesregierung aus, die die finanziellen Zuschüsse für den Neubau sicherte. Daraufhin wurde ein Wettbewerb unter fünf Architekten – darunter auch der in Straßburg geborene Baumeister Rudolf Schwarz – ausgelobt. Nachdem Schwarz den Wettbewerb für sich entscheiden konnte, wurde am 31. Mai 1956 der Grundstein gelegt. Drei Jahre später, ebenfalls am Fest Maria Königin, fand die Kirchweihe statt.

Maria Königin 1Maria Königin außen
Zur Gesamtanlage gehören neben der Kirche Gemeindehaus, Kindergarten, Schwesternhaus und ein stämmiger Glockenturm mit wehrhaftem Charakter. Durch die Hanglage schon aus dem Tal heraus sichtbar, erhebt sich die Pfarrkirche Maria Königin majestätisch in Form eines geöffneten Blütenkelches. Schwarz´ Idee, „Maria in einem mystischen Sinne ab[zu]bilden“, gelang ihm, indem er die Lauretanische Litanei, in der Maria eine „mystische Rose“ genannt wird, als Leitgedanken für sein architektonisches Motiv nutzt.

Der kreuzförmige Grundriss ergibt sich aus zwei sich senkrecht überlagernden Ellipsoiden unterschiedlicher Länge. An die Vierung (Raumteil, der aus der rechtwinkligen Durchdringung von Langhaus und Querschiff entsteht) angeschlossene Konchen (in der Regel halbkreisförmig ausbuchtender Bau oder Gebäudeteil) erinnern an die Sonderform mittelalterlicher Choranlagen in der Gestalt eines Kleeblattes. Nach einem zentralisierenden Prinzip, das mit den liturgischen Reformen einherging, wurden Gottesdienst und somit auch das Gestühl auf den Altar hin ausgerichtet.

Schwarz nutzte die Hanglage des Schwarzenbergs, um eine zweigeschossige Krypta sowie eine Unterkirche in das Baukonzept einzubeziehen. Aufgrund des um fünf Meter differierenden Hang-Tal-Niveaus ergibt sich von der Straßenseite eine imposante Ansicht. Um in den Hauptraum der Kirche zu gelangen, betritt der Besucher das an der Nordseite des westlichen Langhausarmes gelegene, unscheinbare Eingangsportal. Zunächst muss ein Vorraum durchschritten werden, der über Treppen zum Taufstein und weiter hinauf in den Hauptraum führt. Von der Dunkelheit der Unterkirche noch erfasst, überrascht die mit ansteigender Höhe zunehmende Lichterfülle. Wie ein Blütenkelch öffnet sich der Raum vor dem Besucher.

Das Innere offenbart sich als öffnender „Kelch für das Licht“ und wird durch die 1964 eingesetzten Bleiglasfenster von Wilhelm Buschulte zu einer mystischen Raumerfahrung. In den Schnittstellen der beiden Ellipsen entfalten sich – ausgehend vom Fuße der Stützpfeiler – die parabelförmigen Glasfenster, die das monumentale rotbraune Sandsteinmauerwerk aufbrechen. In den Konchen verjüngt sich entsprechend das Mauerwerk zur flachen Decke hinauf. Der harmonische Farbklang von Opalweiß, Moosgrün und Grau in den Glasfenstern, der durch die leuchtenden Grundfarben Rot, Blau und Gelb akzentuiert wird, vermittelt den Anschein, als blicke man in das Gewächshaus eines botanischen Gartens. Ferner beinhaltet der Fensterzyklus Symbole der Marienverehrung aus der lauretanischen Litanei. Der Kontrast zwischen starkem, bossiertem Mauerwerk und dazwischen geborgenem dünnhäutigem Glas lässt den „Kelch“ im Inneren zerbrechlich wirken.

Maria Königin TaufbeckenMaria Königin AltarDie hohe, flache Holzdecke wird von einem Stahlbetonkreuz getragen. Das Gestühl ist im regelmäßigen Trikonchos (Nord-, Süd- und Ostkonche) jeweils auf den Altar ausgerichtet. Über einer Plattform und um drei Stufen erhöht erhebt sich der Altar aus rotem Sandstein, dieser ist etwas in Richtung Ostkonche verschoben. In der gegenüberliegenden Westkonche befindet sich das Orgelprospekt.

Die weiteren Gebäude der Gesamtanlage schließen an den Sakralbau an und legen sich rechtwinklig über den Pfarrhof, wobei der Glockenturm das Gelenk bildet. Das Parabelmotiv der Glasfenster wird im Turm wieder aufgegriffen. Aus den Ausschnitten im oberen Turmabschluss ergibt sich die Kontur einer Krone. Es ist naheliegend, dass die symbolische Form der Krone eine von Rudolf Schwarz beabsichtigte Umsetzung des Namens „Maria Königin“ ist.

Die Pfarrkirche Maria Königin ist Rudolf Schwarz` einziger Sakralbau im Saarland und als bemerkenswertes Beispiel des Kirchenbaus des 20. Jahrhunderts anzusehen. Die Übertragung einer figurativen Vorgabe in ein architektonisches Konzept ist dem Baumeister bei diesem Sakralbau in außergewöhnlicher Weise gelungen.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
DITTMANN, Marlen (o.J.): Katholische Pfarrkirche Maria Königin. Kohlweg 42, Saarbrücken, St. Johann. Zum Artikel im Kunstlexikon Saar (zuletzt eingesehen am 19.08.2014).
GÖTZ, Wolfgang (1988): Katholische Pfarrkirche Maria Königin in Saarbrücken. (= Rheinische Kunststätten, Heft 333). Neuss.
MANG, Rudolf / KANY, Marco (2009): Ein Lied für Maria Königin. 50 Jahre Pfarrkirche Maria Königin in Saarbrücken. (Hrsg.: Katholisches Pfarramt Maria Königin). Trier.
SCHWARZ, Rudolf (2007): Kirchenbau. Welt vor der Schwelle. (Hrsg.: Schwarz, Maria / Gerhards, Albert / Rüenauver, Josef). Nachdruck der 1. Auflage von 1960. Regensburg.
SCHWARZ, Rudolf (1938): Vom Bau der Kirche. Würzburg, Burg Rothenfels.

zum Seitenanfang



Die Pfarrkirche St. Albert in Saarbrücken

Im Saarbrücker Wohnviertel Rodenhof wurde in den Jahren 1952–1954 auf den Fundamenten des durch den Krieg zerstörten Vorgängerbaus (1939–1944) die katholische Pfarrkirche St. Albert errichtet. Als Architekten wurden Gottfried und Dominikus Böhm berufen. Dominikus Böhm, der Vater Gottfried Böhms, hatte bereits 1945 einen Entwurf ausgearbeitet, der jedoch keine Zustimmung fand. Gottfried Böhm, der durch zahlreiche Bauten der Nachkriegszeit (darunter vorwiegend Gotteshäuser) bekannt wurde, erhielt daraufhin den Bauauftrag, sein erster Auftrag im Saarland. Hier zeigte sich sein innovativer Gestaltungssinn, der ihn auch für den Um- und Erweiterungsbau der Liebfrauenkirche in Püttlingen oder die Umbauten des Saarbrücker Schlosses in den 1980er-Jahren qualifizierte.

St Albert Rodenhof 1 Dittmann klein1950 legte Böhm sein Baukonzept für St. Albert vor, das von der Regierung des Saarlandes protegiert wurde. Im Mai 1952 erfolgte die Grundsteinlegung, für die Steine der Vorgängerkirche verwendet wurden – ein symbolischer Akt der Erneuerung und Hoffnung.

Die Pfarrkirche St. Albert ist ein Konglomerat aus mehreren einzelnen Elementen. Der Neubau rief aufgrund seiner unkonventionellen Modernität sowohl Ablehnung als auch Faszination hervor. Auf einem Eckgrundstück ragt das auffallende Äußere des Baus empor, womit sich die Architektur deutlich von der Umgebung des Wohngebiets absetzt. Die Eingangshalle, das Paradies, ist eine geschlossene Pergola mit gewellter Decke. Sie ist sowohl mit Kirchenschiff und Taufkapelle als auch mit einem kleinen Rundbau zwischen den Streben des Campanile (freistehender Glockenturm) verbunden. An die Komposition schließen sich auch das Pfarrhaus und die Gemeinderäume an. Die liturgische Bewegung hat bei St. Albert deutliche Spuren hinterlassen, wie der im Grundriss abzulesende Zentralraumgedanke zeigt.

St Albert Rodenhof 3 Jost kleinSt Albert Rodenhof 2 Jost kleinDem Architekten gelang es, durch zwei unterschiedlich große Ellipsen zu einer ovalen Geschlossenheit zu finden und dennoch eine axiale Ausrichtung zum Altar hin zu erreichen. Spätexpressionistische Strukturen aufgreifend und dem lateinischen Leitsatz „Omne vivum ex ovo“ („Alles Leben kommt aus dem Ei“) folgend, basieren die elliptischen Formen auf der Kontur des Eies. Aus der Interpretation und Übertragung dieses Gedankens in ein architektonisches Konzept entstand die organische Grundrissform von St. Albert.

Der Kirchenbau besitzt 14 umstehende Betonstrebebögen, die als Bindeglied zwischen den Außenwänden des Hauptraumes und dem Tambour mit Stahlbetonkuppel vermitteln (Tambour = zylindrischer, ovaler oder polygonaler, meist von Lichtöffnungen durchbrochener Unterbau einer Kuppel über der Dachzone eines Gebäudes). Auf die statische Funktion tragender Außenwände konnte dadurch verzichtet werden. Die roten Ziegelmauern dienen somit lediglich als schützender Mantel – eine Rezeption statischer Gesetzmäßigkeiten der Gotik.

St Albert Rodenhof 4 Jost kleinSt Albert Rodenhof 5 Jost kleinDer Innenraum wird dank der gläsernen Tambourkuppel mit Licht durchströmt. Die Schalendecke wird im Innenraum von vierzehn schlanken Stahlsäulen gestützt, die konzentrisch die Altarinsel einschließen. Die Dynamik der organischen Architektur, die von den Wellenlinien des Paradieses ausgeht und sich von der Taufkapelle bis zum Altar ausbreitet, ist metaphorisch als Wellenbewegung des Wassers und somit als fortschreitender Reinigungsprozess zu verstehen.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Marlen Dittmann (oberes Foto), Isabelle Jost (übrige Fotos)

Weiterführende Literatur:
DITTMANN, Marlen (2011): Die Baukultur im Saarland 1945–2010. Saarbrücken (= Saarland-Hefte 4). zum Online-Shop
KATHOLISCHES PFARRAMT SAARBRÜCKEN (Hrsg.) (1979): Kirche St. Albert 1954–79. 25 Jahre. Saarbrücken.
MASSING, Heinrich (1963): St. Albert. 25 Jahre Pfarrgemeinde in Saarbrücken. (Hrsg.: Kath. Pfarramt St. Albert). Saarbrücken.
MÜLLER, Bastian / MARSCHALL, Kristine (2011): Architektur der Nachkriegszeit im Saarland. (Hrsg.: Landesdenkmalamt im Ministerium für Umwelt, Energie und Verkehr). Saarbrücken. (= Denkmalpflege im Saarland 4).

zum Seitenanfang



Die Pfarrkirche St. Peter in Merzig

Die katholische Pfarrkirche St. Peter in Merzig ist eines der wenigen Beispiele romanischer Baukunst im Saarland, das uns erhalten geblieben ist. Im Jahr 1182 übergab Erzbischof Arnold von Trier die Propstei Merzig der Prämonstratenserabtei Wadgassen. Anfang des 13. Jahrhunderts begannen die Prämonstratensermönche mit dem Umbau des ehemaligen Merziger Augustinerchorherrenklosters. Die exakte Datierung der Um- und Neubaumaßnahmen ist allerdings nicht urkundlich belegt. Das Patrozinium des heiligen Petrus wurde auf den Nachfolgebau übertragen. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass das Patronat in der Merziger Kirchengeschichte auf die Zeit der Franken zurückgehen könnte.

Bautypologisch betrachtet stellt sich die Frage, warum der Bau häufig erst ins frühe 13. Jahrhundert datiert wird, obwohl der Konvent bereits 1182 übernommen wurde und die Ornamentformen in Trier schon längere Zeit Anwendung fanden. Diese Umstände sind womöglich auf den bereits vorhandenen Klosterbau der Augustiner zurückzuführen, der keinen unmittelbaren Handlungsbedarf für einen Neubau gab.

Pfarrkirche St.-Peter 1 Slotta kleinSt. Peter ist nach über 800 Jahren das Resultat verschiedener Bauphasen, bedingt durch Zerstörung, Verfall und Wiederaufbau. Die Pfarrkirche ist in ihrer heutigen Erscheinungsform eine dreischiffig angelegte Basilika mit Querschiff, woraus die Kreuzform des Grundrisses und die Vierung (Raumteil, der aus der Durchdringung von Langhaus und Querschiff entsteht) hervorgehen. Des Weiteren besitzt sie im Osten einen querrechteckigen Chor, eine halbrund schließende Apsis mit flankierenden Chortürmen und daran anschließende Nebenapsiden. Die Ostansicht besitzt die aufwendigste Bauplastik, die rheinische und lothringische Einflüsse erahnen lässt und Verwandtschaft zur Benediktinerabtei Maria Laach zeigt. Dekorative Elemente wie Lisenen (senkrecht verlaufende Mauerstreifen ohne Basis und Kapitell) und Blendbänder, Gurt- und Kranzgesimse sowie die vielfältige Gestaltung der Fenster dominieren die Ansicht.

Im Westen, dem Langhaus vorgesetzt, ragt der Glockenturm (18. Jahrhundert) mit schieferner Helmbesetzung auf, der in den beiden oberen Geschossen Schallarkaden aufweist. Seit der jüngsten Restaurierung sind dem Glockenturm die Marienkapelle und eine neue Portalvorhalle angegliedert.

Pfarrkirche St.-Peter 3 Slotta kleinPfarrkirche St.-Peter 2 Slotta kleinBei dem ursprünglichen romanischen Bau handelte es sich um eine flachgedeckte Pfeilerbasilika. Die Travéen (Einteilung in Joche) mit Kreuzgewölbe wurden erst in spätgotischer Zeit, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, nach einem Brand eingezogen. Je fünf massive Säulen und kräftige Vierungspfeiler tragen die Hochschiffwand. Obergadenfenster (Fenster in der oberen Wandfläche des Mittelschiffs) sorgen bei der intransparenten Bauweise für den notwendigen Lichteinfall.

Nach weitgehender Zerstörung im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts wurde St. Peter mit entlehnten, zeitgemäßen Formen des Mittelalters wieder aufgebaut. Die Innenausstattung birgt zahlreiche barocke Kunstgegenstände (um 1700), daneben weist sie historisierenden Dekor und Kolorit des 19. Jahrhunderts in Anlehnung an den romanischen Duktus auf.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Delf Slotta

Weiterführende Literatur:
FONTAINE, Arthur (2003): St. Peter Merzig. Eine Gründung des frühen 13. Jahrhunderts. Merzig.
KIRSCH, Karl (1971): Die Baugeschichte der katholischen Pfarrkirche St. Peter in Merzig. In: Diwersy, Alfred / Schreiner, Heribert (Hrsg.): Merzig – Bild einer Stadt an der Saar. Merzig, S. 45-76.
KLEWITZ, Martin (1972): St. Peter in Merzig. Neuss. (= Rheinische Kunststätten, Heft 7).
MARSCHALL, Hans-Günter (1988): Die Pfarrkirche St. Peter in Merzig. Saarbrücken.
SCHREIBER, Rupert (2002): Peterskirche und Kernstadt Merzig (Saarland). Saarbrücken. (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals“ 2002). Datei zum Download (PDF)

zum Seitenanfang


 

Neuerscheinung

Band 51 Cover 150 x 178px Startseite

Hier bestellen!

 
 

mitglied werden

bauernhauswettbewerb