Anker der Identität – Ländlicher Raum


Der Bliesgau
Das Dorf Wolfersheim
Das Sankt Wendeler Land
Die Weinberge bei Perl

 



Der Bliesgau

Der Bliesgau liegt im Südosten des Saarlandes. Er grenzt im Osten an Rheinland-Pfalz, im Süden und Westen an Frankreich und im Nordwesten und Norden an den saarländischen Verdichtungsraum. Die Bezeichnung des Raumes als „Bliesgau“ geht auf die – bis etwa 1100 gebräuchliche – Einteilung des Fränkischen Reiches in Gaue zurück. Die erste sichere urkundliche Nennung der Bezeichnung datiert aus dem Jahre 796. Der Bliesgau hieß zu dieser Zeit „pagus Blesensis“ („pagus“ = „Gau“). Ab dem 12. Jahrhundert geriet die Bezeichnung „Bliesgau“ in Vergessenheit und tritt vermutlich erst im 19. Jahrhundert wieder in Erscheinung.

Der Landschaftsname „Bliesgau“ wird für die seit Jahrhunderten von der Landwirtschaft geprägten Muschelkalkgebiete im südöstlichen Saarland verwendet. Aus ökonomischer und soziokultureller Perspektive lässt er sich in zwei Teile gliedern: 34 Bliesgau 1Der „Vordere Bliesgau“, also jener Bereich, der im unmittelbaren Umland der Landeshauptstadt Saarbrücken liegt, ist durch starke Tendenzen der Bevölkerungssuburbanisierung geprägt. Das heißt: Die ehemals bäuerlich strukturierten Orte wurden zu Wohnorten von Pendlern. Die Bevölkerungsdichte stieg damit überdurchschnittlich auf zum Teil deutlich über 300 Einwohner pro Quadratkilometer an – wie in Fechingen, Ormesheim, Kleinblittersdorf, Bübingen, Auersmacher, Rilchingen-Hanweiler. Der „Hintere Bliesgau“, mit den Gemeinden Blieskastel, Gersheim und Mandelbachtal, weist deutlich geringere Einwohnerdichten (um 150 Einwohner pro Quadratkilometer) als der „Vordere Bliesgau“ auf. Die Landschaft ist deutlich landwirtschaftlicher geprägt, die Siedlungen deutlich weniger verstädtert.

Die Jahrtausende zurückreichende Siedlungs- und Wirtschaftstätigkeit des Menschen hat im Bliesgau einzigartige Landschaften herausgebildet. Erste Besiedlungen lassen sich etwa auf das Jahr 5000 v. Chr. datieren. In zahlreichen europaweit bedeutsamen Lebensräumen wie den Streuobstwiesen oder den orchideenreichen, nicht mehr bzw. nur sehr extensiv genutzten Kalk-Halbtrockenrasen findet sich eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt.

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Mindestens acht bundesweit stark gefährdete Orchideenarten, die in Südwestdeutschland vielfach ihre Verbreitungsgrenze erreichen, kommen in den Halbtrockenrasen des Bliesgaus in mehreren, meist individuenreichen Populationen vor – so die des Ohnsporns, der Pyramiden-Orchis, der Bocks-Riemenzunge (linkes Foto), der Bienen-Ragwurz (rechtes Foto) und des Affen-Knabenkrauts sowie des Kalk-Kreuzblümchens.

Das Grundgerüst der heutigen Siedlungsverteilung im Bliesgau beginnt an der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert durch die sogenannte Fränkische Landnahme mit der Gründung der Orte mit dem Namenssuffix –heim und –ingen (wie Walsheim oder Rilchingen). BliesgauDieses Grundgerüst der Siedlungen wurde im 7. und 8. Jahrhundert durch Orte mit dem Suffix –weiler verdichtet. Im Bliesgau finden sich nur zwei charakteristische topographische Siedlungslagen: die Talbodenlage an den Fließgewässern und die Quellmuldenlage an den Quellen, die an einer Wasser stauenden geologischen Schicht des Muschelkalks austreten. Das Siedlungssystem wurde durch die Wüstungen des 14. und 15. Jahrhunderts infolge von Epidemien (vorwiegend Pest und Typhus) ausgedünnt. Aufgrund der Zerstörungen und des Bevölkerungsverlustes in den Kriegen des 17. Jahrhunderts (insbesondere des Dreißigjährigen Krieges) wurde der Bliesgau gegen Ende des 17. Jahrhunderts Ziel von angeworbenen Einwanderern aus Tirol und Vorarlberg, Bayern, der Schweiz, Savoyen und Innerfrankreich.

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Die Industrialisierung der Saarregion im 19. Jahrhundert hinterließ im Bliesgau mit Ausnahme der Kalksteinbrüche und Branntkalköfen für die Eisen schaffende Industrie im Verdichtungsraum nur wenige unmittelbare Spuren. Mittelbar deutete der sukzessive Bedeutungsgewinn des Arbeiterbauerntums bzw. die Aufgabe der Landwirtschaft aufgrund der Tätigkeit im Verdichtungsraum auf diese Veränderungen hin. Heute ist die Erwerbstätigkeit im Bliesgau durch eine geringe Zahl an Arbeitsplätzen in der Region selbst sowie durch zahlreiche Pendler nach Saarbrücken, St. Ingbert, Kirkel und Homburg geprägt.

Aufgrund seiner besonderen naturräumlichen Ausstattung und einmaligen Geschichte erfolgte im Jahr 2009 die Anerkennung als UNESCO-Biosphärenreservat.


Text:
Olaf Kühne

Fotos:
Volker Wild (obere Fotos 1, 2 und 3), Heinz Quasten (Foto 4), Olaf Kühne (untere Fotos 5 und 6)

Weiterführende Literatur:
DORDA, Dieter / KÜHNE, Olaf / WILD, Volker (Hrsg.) (2006): Der Bliesgau. Natur und Landschaft im südöstlichen Saarland. Saarbrücken. (= Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Band 42). zum Online-Shop

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Das Dorf Wolfersheim

Die Bedeutsamkeit von Wolfersheim als Identitätsanker liegt weniger in der Dorfgeschichte, sondern eher in den Bemühungen seiner Einwohner, die Eigenheit des Ortes herauszustellen und ihn damit als unverwechselbare Heimat erkennbar zu halten, ohne die alten Zustände museumsähnlich zu rekonstruieren. So wurden im Rahmen der Dorferneuerung die materiellen Zeugen der Ortsgeschichte aufgearbeitet sowie Innovationen zur Befriedigung moderner Bedürfnisse gestalterisch passend ins Ortsbild eingefügt. Dafür wurde Wolfersheim 2004 im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden – unser Dorf hat Zukunft“ mit der Goldmedaille auf Bundesebene ausgezeichnet.

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Die sozio-ökonomische Entwicklung Wolfersheims vom Bauerndorf über ein Arbeiterbauerndorf bis zum Auspendlerort lässt sich am Baubestand ablesen: an die ältesten Bauernhäuser im Kern schließen sich Arbeiterbauernhäuser an, gefolgt von reinen Wohnhäusern ohne Wirtschaftsteile. An Infrastruktur sind lediglich das Dorfgemeinschaftshaus, eine Gaststätte sowie ein Lebensmittel- und Secondhandladen vorhanden.

Zu den baulichen Maßnahmen der Dorferneuerung zählen der Ausbau der Dorfstraße mit Vollrinnen aus Muschelkalk, die Reaktivierung von Brunnen, die Aufwertung der Ortsmitte sowie das angepasste Neubauviertel und die Durchgrünung. Die ungewöhnlich positive Resonanz in der Bevölkerung zeigt sich darin, dass nach dem Schneeballprinzip viele Hauseigentümer stilgerecht renovierten, sodass ein attraktives Ortsbild entstand. Herauszustellen ist das große Engagement der Bevölkerung, die sich der Verantwortung stellt, ihre Heimat vor einer Uniformierung zu bewahren und als wertvolles kulturelles Erbe zu erhalten. So wurden u.a. das Feuerwehrhaus und der Jugendtreff im ehemaligen Milchhäuschen vorwiegend in Eigenleistung erbaut bzw. renoviert. Der aktive Einsatz für die Dorfkultur trotz Pendlertum resultiert zu Recht in Stolz auf das gemeinsame Werk, der die wichtigste Belohnung für die Arbeit zur Erhaltung der Heimat ist.


Text:
Tanja Kaiser

Fotos:
Staatskanzlei des Saarlandes (linkes Foto), Heinz Quasten (rechtes Foto)

Weiterführende Literatur:
STADT BLIESKASTEL (Hrsg.) (2003): Wolfersheim. Stadt Blieskastel – Saarpfalz-Kreis – Saarland. Unser Dorf soll schöner werden. Unser Dorf hat Zukunft. Bundeswettbewerb 2004. Blieskastel.
WEBER, Ludwig (2001): Wolfersheim: ein Arbeiter- und Bauerndorf. Seine Häuser und deren Bewohner. Blieskastel.

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Das Sankt Wendeler Land

Im nordöstlichen Saarland, inmitten des Naturparks Saar-Hunsrück, liegt das Sankt Wendeler Land. Die Ausläufer des Hunsrücks bilden sanfte, bewaldete Rücken, zwischen denen sich Streuobstwiesen und Felder zu einer facettenreichen Landschaft einbetten. 42 WendlerAufgrund seines außergewöhnlich hohen landschaftsästhetischen Erlebniswertes ist das Sankt Wendeler Land eine attraktive Urlaubs- und Freizeitregion.

Daneben trägt der Landstrich auch einen hohen kulturhistorischen Wert. Nachweislich bevölkert ist diese Gegend schon seit der Bronzezeit. Bereits die Kelten hinterließen hier ihre Spuren, wovon der gewaltige Ringwall in Otzenhausen zeugt. Im Wareswald bei Tholey, am Kreuzungspunkt zweier überregional bedeutsamer Fernhandelsstraßen, legten die Römer am Fuße des Schaumbergs einen vicus an. Seit 2001 werden bei Grabungen Zeugnisse der Römerzeit geborgen.

Über die Landesgrenzen hinweg ist das Sankt Wendeler Land mit seiner abwechslungsreichen Mittelgebirgslandschaft und dem malerischen Ostertal in erster Linie wegen des vielfältigen Freizeitangebotes bekannt. In den letzten Jahren hat es sich speziell für Fahrradbegeisterte durch den Ausbau eines umfangreichen Netzes an Rad- und Wanderwegen sowie durch Austragungen internationaler Radsportwettkämpfe einen Namen gemacht.

43 WendlerAber auch der 120 ha große Bostalseemit dem dazugehörigen Campingplatz erfreut sich sowohl bei den Saarländern als auch bei Gästen aus der Umgebung großer Beliebtheit. Kunstfreunde schätzen die 25 km lange Straße der Skulpturen, die von St. Wendel zum Bostalsee führt und 51 große Steinskulpturen von internationalen Künstlern zeigt.

Zu weiteren Sehenswürdigkeiten zählen außerdem die um 1400 im spätgotischen Stil erbaute Wendalinusbasilika in St. Wendel, die Benediktinerabtei in Tholey, das Mithras-Denkmal bei Schwarzerden, das „Steinerne Meer“ am Weiselberg sowie die Sternwarte und die Sommerrodelbahn am Peterberg.


Text:
Tanja Kaiser, Antje Schönwald

Fotos:
Juan Manuel Wagner

Weiterführende Literatur:
OBERHAUSER, Fred (1999): Das Saarland. Kunst, Kultur und Geschichte im Dreiländereck zwischen Blies, Saar und Mosel. Köln. (= DuMont Kunst-Reiseführer).
SCHÄFER, Toni (1988): Heimat am Schaumberg. Sotzweiler.

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Die Weinberge bei Perl

Saarländischer Wein wird nicht etwa an der Saar, sondern an der saarländischen Obermosel angebaut. Hier liegt das einzige Weinbaugebiet des Saarlandes. Das relativ kleine Areal befindet sich im Dreiländereck Luxemburg–Frankreich–Deutschland, in der Gemeinde Perl mit den Winzerdörfern Perl, Oberperl, Sehndorf und Nennig. 44 Weinberg PerlDer hier angebaute Wein gehört im Weinbaugebiet „Mosel-Saar-Ruwer“ zum Bereich „Moseltor“. Die Weinbaugroßlage heißt „Schloss Bübinger“ mit den dazugehörigen Einzellagen Perler Hasenberg, Perler St. Quirinusberg, Sehndorfer Klosterberg, Sehndorfer Marienberg, Nenniger Schlossberg und Nenniger Römerberg. Die Rebflächen werden immer wieder von Obstgärten durchsetzt, was der Landschaft einen besonderen Reiz verleiht.

Das Weinbaugebiet an den Hängen der Mosel ist relativ kleinflächig. Insgesamt werden auf saarländischer Seite zwischen Perl und Nennig ca. 111 ha Rebflächen bewirtschaftet. Der älteste Weinberg ist der Perler Hasenberg an dessen Hangfuß die Grenze zu Frankreich verläuft. Angebaut werden die Rebsorten Müller-Thurgau, Auxerrois, Grauburgunder, Weißburgunder, Spätburgunder und Riesling. Typisch ist jedoch der Elbling, eine alte Weißweinrebe, die nach Expertenansicht bereits von den Römern an der Obermosel eingeführt wurde.

Der saarländische Weinbau wird insbesondere durch das günstige Klima und die Muschelkalkböden an der Obermosel beeinflusst. Die Mosel hat sich etwa 100-150 m tief in die Keuper- und Muschelkalkschichten des Saar-Mosel-Gaus eingeschnitten. Das Tal der Obermosel ist gekennzeichnet durch ein überwiegend sommerwarmes, wintermildes und relativ trockenes Klima, welches den Weinbau stark begünstigt. Neben einer hohen Sonneneinstrahlung spielt auch die Feuchte- und Wärmekapazität der Böden eine wichtige Rolle. Der im Perler Raum anstehende Muschelkalk bestimmt die Geschmacksrichtung der angebauten Weine mit.

Im Rahmen des saarländischen Weinsommers öffnen die Winzer zwischen April und Oktober ihre Weinkeller und laden zum Kosten ein.


Text:
Tanja Helmes

Foto:
Jens Falk

Weiterführende Literatur:
MEISER, Ute (1998): Winzer im Saarland. In: Naturschutz im Saarland 1998/1, S. 23-24.
MOLL, Brigitte (2006): Wein- und Obstbau im Anbaugebiet Perl. In: Moll, Peter / Becker, Christoph (Hrsg.): Neuland Heimat. Entdeckungen im Saar-Mosel-Raum. Gemeinde Perl und Umgebung. Schengener Eck. Saarbrücken und Trier, S. 64-66.

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