Anker der Identität – Städte


Blieskastel – Die Altstadt
Ottweiler – Der Historische Stadtkern
Merzig – Das Alte Rathaus
Merzig – Das ehemalige Kreiskrankenhaus und die „Provinzial-Irren-Anstalt“
Merzig – Die Fellenbergmühle
Saarbrücken – Der St. Johanner Markt
Saarbrücken – Das Rathaus Saarbrücken-St. Johann
Saarbrücken – Das Staatstheater
Saarbrücken – Die Moderne Galerie des Saarlandmuseums
Saarbrücken – Die Alte Brücke
Saarbrücken – Der Landtag
Saarbrücken – Die ehemalige Französische Botschaft
Saarbrücken – Die Gedenkstätte "Neue Bremm"
Saarbrücken – Die Villa Obenauer
Saarlouis – Die Vaubanschen Festungsanlagen
Sulzbach – Die historischen Salzhäuser

 



Blieskastel – Die Altstadt

Die Stadt Blieskastel im südöstlichen Saarland, Saarpfalz-Kreis, liegt inmitten des Biosphärenreservates Bliesgau und nahe der Grenzen zu Rheinland-Pfalz und dem Département Moselle. Einst war Blieskastel Sitz der Bliesgaugrafen (ca. 11. Jh.). Nach häufigem Besitzwechsel ging der Ort 1337 in das Eigentum der Kurfürsten von Trier über und wurde schon sechs Jahre später als Stadt bezeichnet, wenngleich keine offizielle Übernahme der Stadtrechte bekannt ist.

Blieskastel 2 Isabelle46 Blieskastel1098 wurde das „Castellum ad Blesam“ erstmals  urkundlich erwähnt und 1522 durch Franz von Sickingen auf seinem Feldzug gegen Trier großteils zerstört. Als die Reichsgrafen von der Leyen im 17. Jahrhundert die Herrschaft Blieskastel erwarben, war die Burg in einem miserablen Zustand. Nach Abbruch des Restgemäuers  errichteten die Grafen von der Leyen ab 1661 einen prachtvollen Neubau. Zur Zeit der Französischen Revolution trug dieser wiederum erhebliche Schäden davon.

Von dem 1664 fertiggestellten Schloss ist heute lediglich der „Lange Bau“, die sogenannte Orangerie, erhalten. Sie bildete den nördlichen Abschluss des oberen Lustgartens der barocken Schlossanlage. Aufgrund ihres Bauzustandes zählt sie zu den bedeutendsten noch erhaltenen Renaissance-Bauwerken in Südwestdeutschland. In den 1980er-Jahren wurde sie unter fachlicher Aufsicht des Landesdenkmalamtes stilgerecht restauriert. Man vermied dabei historisierende Elemente und konnte so den Charakter des Baus bewahren. Die Orangerie wird heute für kulturelle Veranstaltungen, Vorträge, Ausstellungen und Konzerte genutzt.

45 BlieskastelDer größte Teil der Kulturdenkmäler spätbarocker Baukunst stammt aus der kurzen Zeitspanne zwischen 1773 und 1793, der Amtszeit der Grafen von der Leyen, die Blieskastel zur Residenzstadt ausbauten. Das von der Mosel stammende Hochadelsgeschlecht erwarb Mitte des 15. Jh. Güter in Blieskastel und verlegte 1773 seinen Regierungssitz von Koblenz in den Bliesgau, was mit dem Zuzug von zahlreichen Bediensteten einherging. Die Stadt erblühte insbesondere unter der Regentschaft von Franz Karl von der Leyen (1736–1775) und seiner Gemahlin Gräfin Marianne (1745–1804), die nach dem Tod ihres Gatten im Jahr 1775 die Regierungsgeschäfte übernahm und durch Fortsetzung des Stadtausbaus zur barocken Entfaltung beitrug, bis die Revolutionstruppen die Vorherrschaft erlangten und die Gräfin zur Flucht gezwungen wurde. In die Zeit der regen Bautätigkeit fallen die Anlegung des einheitlich gestalteten Paradeplatzes und östlich abschließend, der Bau des ehemaligen Waisenhauses (heutiges Rathaus) durch den Baumeister Christian Hautt, Baudirektor des Fürstentums Pfalz-Zweibrücken. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten in den 1990er-Jahren kann der großzügige Paradeplatz inzwischen für Veranstaltungen wie das Altstadtfest, Open-Air-Konzerte und Sportevents genutzt werden.

Blieskastel IsabelleWährend der Regentschaft der Grafen von der Leyen wurde auch der Schlossberg städtebaulich erweitert und eine Reihe von Kavaliershäusern (höheren Bediensteten zugewiesene Wohnhäuser im Bereich eines Schlosses) errichtet. Die Schaffung des benötigten Wohnraums, aber auch die Errichtung von Repräsentationsbauten und Plätzen, wurde in nur zwanzig Jahren realisiert. Weitere bemerkenswerte Zeugnisse dieser lebhaften Bautätigkeit sind, neben stattlichen Palais, eine Gruppe von Hofratshäusern im klassizistischen Stil und die Schlosskirche. Letztere wurde von Peter Reheis, einem Schüler Friedrich Joachim Stengels, als Teil des Franziskanerklosters 1776/78 erbaut. Die Fassade ist in Gestaltung und Formenreichtum einzigartig und gilt als bedeutendes Zeugnis des künstlerischen Schaffens in der Region im ausgehenden 18. Jahrhundert.

Der Platz um den Herkulesbrunnen repräsentiert den ehemaligen Ortskern Blieskastels. In der Altstadt versammeln sich auf engstem Raum 154 Einzeldenkmäler zum Denkmalschutzgebiet „Alt Blieskastel“. Die Stadt ist damit ein seltenes Anschauungsbeispiel für intakte Denkmäler – ein evidentes Argument, warum die Stadt als Routenpunkt in die „BarockStraße SaarPfalz“ aufgenommen wurde.

 


Text:
Frank Ehrmantraut (Überarbeitung: Isabelle Jost)

Fotos:
Olaf Kühne (oberes Foto rechts und mittleres Foto), Isabelle Jost (übrige Fotos)

Weiterführende Literatur:
LEGRUM, Kurt (1995): Spaziergang durch die gräflich-leyensche Residenz Blieskastel. St. Ingbert.
MARSCHALL, Hans-Günther (1987): Die „Orangerie“ von Blieskastel. Ottweiler.
VONHOF-HABERMAYR, Margit (1996): Das Schloß zu Blieskastel. Ein Werk der kapuzinischen Profanbaukunst im Dienste des Trierer Kurfürsten Karl Kaspar von der Leyen (1652–1676). Saarbrücken. (= Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Band 37). zum Online-Shop

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Ottweiler – Der Historische Stadtkern

Die Kleinstadt Ottweiler im Nordosten des Landkreises Neunkirchen ist einer der wenigen Orte im Saarland, die sich den Glanz der barocken Bauphase bewahrt haben. Die erste schriftliche Erwähnung geht auf die Nennung einer Burg im Jahre 1393 zurück. Der Ort selbst spielte im Mittelalter neben der auf der anderen Seite der Blies gelegenen klösterlichen Niederlassung Neumünster nur eine untergeordnete Rolle. Im Zentrum des Ortes befand sich zu dieser Zeit eine kleine Kapelle, die zur Gemeinde des Benediktinerinnenklosters Neumünster gehörte.

OTW Alter Turm Wagner kleinAn Bedeutung gewann Ottweiler ab dem 13. Jahrhundert unter dem fast 500-jährigen Einfluss des Nassau-Saarbrücker Grafenhauses. Erst im 16. Jahrhundert erhielt Ottweiler Stadt- und Marktrecht sowie eine Befestigungsanlage unter Graf Johann IV. von Nassau-Saarbrücken (1511–1574). Einen ersten Höhepunkt erlebte die Stadt ab 1574 durch den Bau eines Schlosses als neuen Hauptsitz des Grafen Albrecht (1537–1593) aus dem Hause Nassau-Weilburg. Die Residenz wurde vermutlich auf den Grundmauern der ehemaligen Burganlage errichtet. Das vom kurpfälzischen und nassauischen Baumeister Christmann Stromeyer entworfene vierflügelige Renaissanceschloss musste 1753 infolge des Verfalls – nach schwerwiegenden Schäden im Dreißigjährigen Krieg und anschließendem langen Leerstand – abgetragen werden. Unter der gräflichen Regentschaft Albrechts wurde die Reformation in der Herrschaft Ottweiler eingeführt und das Kloster Neumünster säkularisiert.

Ausschlaggebend für den erneuten Aufstieg der Residenzstadt war unter anderem die Gründung einer Porzellanmanufaktur im Jahr 1763 unter Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken (1718–1768), die bis zum Ausbruch der Französischen Revolution in Ottweiler bestand. Der Fürst trat als Mäzen der Stadt auf und beauftragte 1758/59 Generalbaudirektor Friedrich Joachim Stengel (1694–1787) mit dem Bau des „Pavillons“ im alten Herrengarten – ein Jagd- und Lustschlösschen, das ursprünglich durch eine Zugbrücke über den von der Blies durchspülten Wassergraben zugänglich war. Der heute dem Palais vorgelagerte Barock-Rosengarten war eine Schenkung des Landkreises Neunkirchen anlässlich der 450-Jahrfeier der Stadt im Jahr 2000.

OTW Pavillon Wagner kleinOTW Landratsamt Roth kleinZwischen 1756 und 1760 erbaute Stengel das „Witwenpalais“ als Residenz des Fürsten Wilhelm Heinrich und dessen Gemahlin Sophie Erdmuthe von Erbach (1725–1795). Die Fassaden beider Stengel-Bauwerke beeindrucken – wie auch in der ehemaligen Residenzstadt Saarbrücken – durch die Wechselwirkung harmonischer Fassadengliederung und aufwendiger Ornamentik. Heute befinden sich im „Pavillon“ die Niederlassung des evangelischen Kirchenkreises und im „Witwenpalais“ das Landratsamt. Beide Gebäude können auch für Trauungen genutzt werden.

Im Jahr 1784 wurde die Mätresse und spätere zweite Gattin Fürst Ludwigs von Nassau-Saarbrücken, Katharina Kest (1757–1829), die im Volksmund auch als „Gänsegretel von Fechingen“ bekannt ist, durch Kaiser Josef II. zur Reichsgräfin von Ottweiler erhoben. Durch die von Fürst Ludwig initiierte Erhebung erlangte Katharina Kest, die als Leibeigene geboren wurde, ein höheres Ansehen und finanzielle Sicherheit.

Als Wahrzeichen der Stadt gilt der um 1550 erbaute Rundturm der ehemaligen Wehranlage, der heute als Glockenturm der evangelischen Kirche dient. Nördlich des Turmes schließt der eigentliche Sakralbau an, der Mitte des 18. Jahrhunderts nach Stengelschen Plänen umgebaut wurde. 1958–1962 wurde die evangelische Pfarrkirche mit Glasfenstern von Georg Meistermann ausgestattet, der auch mit der Gestaltung des Fensterzyklus in der Saarbrücker Schlosskirche beauftragt wurde.

OTW Altes Rathaus Wagner kleinOTW Hessehaus Staatskanzlei kleinWährend sich entlang der Stadtmauer die giebelständigen Häuser eng aneinander reihten und so heute deren Verlauf wiedergeben, wurden im Spätmittelalter um den Rathausplatz repräsentative Bauten errichtet. Allen voran das alte Rathaus, dem ehemals noch eine Arkade vorgesetzt war. Wie auch bei einigen umliegenden Häusern ist das Untergeschoss in verputztem Sandstein ausgeführt, das Fassadenobergeschoss jedoch in Fachwerk. Das stattliche Bild der Häuserfronten setzt sich bei den Renaissancebauten am benachbarten Schlosshof fort.

Das Gebäude am Schlosshof 5, auch als „Hesse Haus“ bekannt, wurde 1590 für den gräflichen Oberamtmann errichtet und diente darüber hinaus als Verwaltungssitz der Grafschaft. Es beeindruckt heute noch durch seine mit eingerollten Voluten (schneckenförmigen Schmuckelementen) verzierten Giebelflanken.

Aufgrund der Randlage zum saarländischen Montanrevier blieb Ottweiler eine Kleinstadt, die sich den Charme prunkvoller Regentschaften und ihre Ursprünglichkeit großteils bewahrt hat. Der historische Stadtkern ist in die 2007 eingerichtete Erlebnisroute „BarockStraße SaarPfalz“ eingebunden und dient alljährlich als Kulisse für den überregional bekannten Mittelaltermarkt.


Text:
Tanja Kaiser (Überarbeitung: Isabelle Jost)

Fotos:
Emanuel Roth (mittleres Foto rechts), Staatskanzlei des Saarlandes (unteres Foto rechts), Juan Manuel Wagner (übrige Fotos)

Weiterführende Literatur:
BETTINGER, Dieter (2000): Ottweiler in Vergangenheit und Gegenwart. Ottweiler.
KLEWITZ, Martin (1989): Stadt Ottweiler. Neuss. (= Rheinische Kunststätten, Heft 347).
LOHMEYER, Karl (1950): Ottweiler in der Kunst des 18. Jahrhunderts (= Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft für Landeskunde, Band 1). Ottweiler.
STADT OTTWEILER (Hrsg.) (2000): Von der Burg zum Bürgertum. Festschrift zum Jubiläum 450 Jahre Stadt Ottweiler. Ottweiler.
www.barockstrasse-saarpfalz.de

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Merzig – Das Alte Rathaus

Das Alte Rathaus in der Kreisstadt Merzig wurde einst als Schloss von Kurfürst und Erzbischof Philipp Christoph von Sötern (1567–1652) erbaut. Zwischen 1368 und 1766/1768 wurde Merzig gemeinsam von den Bischöfen von Trier und den Fürsten von Lothringen verwaltet. Nachdem Philipp Christoph von Sötern 1645 Anteile am Kondominium (gemeinsames Eigentum) Merzig-Saargau erworben hatte, sollte in Merzig ein repräsentatives Anwesen mit Landschlosscharakter entstehen.

Merzig Rathaus 5Merzig Rathaus 11646 wurden erste Maßnahmen für den Bau in die Wege geleitet, indem in Merzig und der näheren Umgebung zunächst nach geeigneten Grundstücken gesucht wurde. Im Frühjahr 1648 konnte nach Abriss der vorhandenen Grundstücksbebauung mit dem Fundament für das Schloss begonnen werden. Das Gelände lag zur damaligen Zeit noch am Ortsrand von Merzig, während der Bau durch weitere Ansiedlung später immer mehr ins Stadtzentrum eingebunden wurde und den Namen „Stadthaus“ erhielt, worauf eine Inschrift in der feudalen Portalarchitektur hinweist.

Das äußerliche Erscheinungsbild des Schlosses ist erhalten geblieben. Als Architekt wurde der Trierer Hofbaumeister Matthias Staudt († 1649) berufen, der seine Entwürfe für das kurfürstliche Bauvorhaben an französischen Jagd-, Lust-, und Landschlössern des 16. Jahrhunderts orientierte. Durch einen Brand im Jahr 1730 wurde der Treppenturm zerstört, was zu mehreren Umbaumaßnahmen führte. Kein geringerer als Christian Kretzschmar, der auch für den Bau der Abtei Mettlach verantwortlich zeichnet, gestaltete das Schloss im barocken Stil um. Hierbei wurde eine doppelläufige Freitreppe vor dem prächtigen Doppelportal errichtet und ein Großteil der Fenster erhielt barocke Gewände mit dekorativen Schlusssteinen (Masken).

Das ehemalige Schloss ist ein sechsachsiger, zweigeschossiger Bau, der seitlich von deutlich hervortretenden Eckpavillons abgeschlossen wird. Die dreigeschossigen Pavillons über quadratischem Grundriss überragen den Mittelbau um ein Geschoss und werden von Satteldächern mit Volutengiebeln bekrönt. Die Gesamtausführung ist jedoch schlicht, was an den wenigen gliedernden Elementen wie Gesimsbändern und Hausteinquaderung der Pavillons zu erkennen ist.

Merzig Rathaus 2Merzig Rathaus 31829 gelangte das Gebäude in den Besitz der Stadt Merzig. Der Bau diente mittlerweile als Verwaltungsgebäude (Stadthaus/Rathaus) und wurde 1932/33 aufgrund erheblicher Bauschäden renoviert und gleichzeitig im Inneren den administrativen Bedürfnissen angepasst. Für die Ausgestaltung der Eingangshalle, der Vorräume und der Treppen wurden Mettlacher Terrakottaplatten verwendet. Seit 1998 können Besucher eine Dauerleihgabe der Bayerischen Schlösserverwaltung bestaunen. In einer Ausstellung werden 16 Terrakotten gezeigt, die ursprünglich als Fassadenschmuck für das von Ludwig II. (1845–1886) in Auftrag gegebene Schloss Herrenchiemsee in Bayern hergestellt wurden. Die Bauplastik von Schloss Herrenchiemsee stammte vorwiegend aus der Produktion des Mettlacher Unternehmens Villeroy & Boch.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
KELL, Johann Heinrich (1958): Geschichte der Kreisstadt Merzig und des Merziger Landes. Merzig.
SANDER, Eckart (1999): Die schönsten Schlösser und Burgen im Saarland. Hamburg.
SKALECKI, Georg (1993): Merzig. Kurfürstliches Schloß. In: Conrad, Joachim / Flesch, Stefan (Hrsg.): Burgen und Schlösser an der Saar. 3. Auflage, Saarbrücken, S.45-47.
SKALECKI, Georg (1987): Das alte Rathaus in Merzig. Der „Newe Baw“ und das Wirken des Baumeisters Matthias Staudt. In: Saarheimat 31 (1987), S. 257-263.

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Merzig – Das ehemalige Kreiskrankenhaus und die „Provinzial-Irren-Anstalt“ 

Das heutige Klinikum Merzig im Landkreis Merzig-Wadern hat eine wechselvolle Geschichte. Aufgrund einer Cholera-Epidemie im Jahr 1854 war ein Versorgungsnotstand ausgebrochen, dem es entgegenzuwirken galt. Zunächst wurden drei Schwestern von dem Mutterhaus der Borromäerinnen in Trier nach Merzig berufen, um dort die Epidemie-Kranken zu pflegen. Eine wohlhabende Frau stellte den Schwestern ihr Wohnhaus zur Krankenpflege zur Verfügung, bis sie in das damalige Pfarrhaus (heute: „Altes Kloster“) umziehen konnten. Die Gründung des Spitals geht auf das Ehepaar von Fellenberg zurück, die zum Anlass ihrer Goldenen Hochzeit in Merzig ein Kranken- und Waisenhaus stifteten. Schon ein Jahr nach Gründungsbeschluss konnte das neue Hospital durch den Pastor von St. Peter, Dechant Reiss, eingeweiht werden.

Merzig 1 Isabelle bearbeitetMerzig 3 Isabelle bearbeitetDie Fellenberg´sche Stiftung wurde 1884 auf die Firma Villeroy & Boch übertragen. 1908 ging die Stiftung in den Besitz des Kreises Merzig über. Nach Beendigung des Ersten Weltkrieges und der damit verbundenen Expansion der Stadt waren Ausstattung und Räumlichkeiten im Hospital unzureichend. 1927 wurden mehrere Umbauten ausgeführt und das Dachgeschoss ausgebaut, was jedoch noch nicht zur erwünschten Lösung führte. Ein Erweiterungsbau 1933/34 konnte dem Platzmangel zunächst Abhilfe schaffen. 1959 wurde aufgrund der erforderlichen Modernisierung der Entschluss gefasst, neben dem Altbau ein neues Krankenhaus zu errichten. Die Trägerschaft des Kreises Merzig wurde 1993 auf die Saarland-Heilstätten GmbH übertragen.

Die Entwicklung des Spitals hin zum Klinikum Merzig ist unweigerlich auch mit der Geschichte der „Provinzial-Irren-Anstalt“ verbunden. Da das Saarland im 19. Jahrhundert sehr dicht besiedelt war und den Behandlungen von Nervenerkrankungen eine größere Bedeutung beigemessen wurde, beschloss der Provinziallandtag in Düsseldorf die Errichtung einer Heil- und Pflegeanstalt. Die Auswahl der Ansiedlung fiel auf Merzig. Mit einer Kapazität von zunächst etwa 500 Betten wurde die ehemalige „Provinzial-Irren-Anstalt“ in den Jahren 1872–1876 von Carl F. Dittmar errichtet. Im Rahmen einer Erweiterungsmaßnahme in den 1890er-Jahren wurden mehrere Pavillonbauten errichtet. Das breitgelagerte, historische Hauptgebäude des Merziger Klinikums wird von zwei Seitenflügeln flankiert. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Bauten von der Deutschen Wehrmacht als Lazarett genutzt. Die Bedeutung der Phrase „Ab nach Merzig!“ ist vielen Saarländern noch bekannt.

Merzig 5 Isabelle bearbeitetMerzig 2 Isabelle bearbeitetBis in die 1970er-Jahre war die Landesnervenklinik, wie sie später genannt wurde, der Inbegriff einer „Irrenanstalt“. Vorurteile mit Negativ-Projektionen auf den Aufenthalt in einer „Anstalt“ und die Angst vor der sozialen Ausgrenzung schadeten dem Ruf einer solchen Einrichtung. Zudem sind die einstigen Behandlungsmethoden psychisch kranker Menschen längst überholt. Eine Psychiatrie-Reform hat in den 1990er-Jahren auch die Strukturen der Anstalten aufgelöst, was zur Schließung der Landesnervenklinik Merzig führte. Daraus resultierte die Anbindung psychiatrischer Fachabteilungen an allgemeinmedizinische Krankenhäuser. Seit 1998 sind die zuvor im Landeskrankenhaus Merzig untergebrachten Patienten auf die neugegründete Saarländische Klinik für forensische Psychiatrie (SKFP) in Merzig, das St. Nikolaus Hospital in Wallerfangen, das Fliedner Krankenhaus in Neunkirchen und das Marienkrankenhaus St. Wendel aufgeteilt.

Patienten, die in der ehemaligen Nervenheilanstalt Merzig verstarben, wurden auch auf dem nahegelegenen Friedhof bestattet. Nach der Umstrukturierung des Landeskrankenhauses wurde die Pflege des Friedhofs zunächst vernachlässigt. Heute ist der Ort eine Art Gedenkstätte für die Vergangenheit der ehemaligen Patienten und erhielt die Bezeichnung „Park der Andersdenkenden“.
Um-, Neu- und Erweiterungsbauten der ehemaligen Psychiatrie und des Kreiskrankenhauses bilden heute das SHG-Klinikum Merzig. Das Hauptgebäude der einstigen „Provinzial-Irren-Anstalt“ ist als Bestandteil des Ensembles Landeskrankenhaus in die Denkmalliste des Saarlandes aufgenommen worden.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
BERENS, Cornelia (1995): Vergitterung des Wahnsinns. Die Provinzial-Irrenanstalt zu Merzig 1876. Saarbrücken.
BÜDINGER, Franz (2009): Die Merziger Krankenhausgeschichte: das alte Kloster (vor 1850) bei St. Peter, heute Pfarrheim „et alt Klo-uschda“, das Elisabeth Hospital - Spitälchen, das „von-Fellenberg-Stift“, das Krankenhaus von Villeroy & Boch, das "von-Fellenberg Schlösschen" (heute Museum Schloss Fellenberg), das Museum Schloss Fellenberg wurde früher als Teil des Kreis-Krankenhauses genutzt, das Kreiskrankenhaus, das SHG Klinikum Merzig und das Seniorenzentrum „von-Fellenberg-Stift“, die Anstalt, provinziale Irrenanstalt, Heil- und Pflegeanstalt, Landesnervenklinik, Landeskrankenhaus, Klinikum Merzig GmbH (eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Saarland Heilstätten GmbH). Merzig-Wadern.
KELL, Johann Heinrich (1958): Geschichte der Kreisstadt Merzig und des Merziger Landes. Merzig.
WERNER, Wolfgang (2000): 124 Jahre Psychiatrie in Deutschland: Merzig zum Beispiel. (= Trierer psychologische Berichte, Heft 4, 27. Jahrgang). Trier.

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Merzig – Die Fellenbergmühle

Die Fellenbergmühle in Merzig liegt am beschaulichen Seffersbach, umgeben von idyllischen Gärten. Die Mühle wurde 1767 als einfache Mahlmühle für Öl und Getreide von Romanus Siegele und Mathias Gusenburger erbaut. Ihren späteren Namen erhielt sie durch Wilhelm Tell von Fellenberg (1798–1880), dem ersten Ehrenbürger der Stadt Merzig. Nachdem der Besitz 1922 an die Familie Villeroy & Boch versteigert wurde, erwarb der Unternehmer Johann Peter Hartfuß die Mühle und richtete dort eine feinmechanische Werkstatt ein. Hartfuß sicherte seinen Erfolg durch Exporte seiner Erfindungen, die sogar über die europäischen Grenzen hinaus gefragt waren; speziell seine Graviermaschinen waren sehr geschätzt. 1931 meldete Hartfuß die Trauringgraviermaschine „Cardan“ als Patent an.

Fellenberg 1Fellenberg 2Das Fachwerkhaus der Mühle wurde 1927 zu einer Werkstatt umgebaut, in der u.a Uhrmacherwerkzeuge und Graviermaschinen hergestellt wurden. Die zum Antrieb der Maschinen benötigte Energie wurde ausschließlich über das Mühlrad oder die später eingesetzte Turbine gewonnen. Das Mühlrad wurde 1929 durch eine Francis-Leitschaufelturbine ersetzt, da in besonders kalten Wintertagen das Mühlrad einfror und den Betrieb lahm legte. Mithilfe der Wasserkraft wurde die Energie über ein System aus Transmissionsriemen, Bändern und Wellen auf die Arbeitsgeräte übertragen. Dadurch konnte auf den Anschluss an ein externes Stromversorgungsnetz verzichtet werden. Selbst der für die Beleuchtung benötigte Strom wurde über einen von der Turbine angetriebenen Generator bezogen. Durch die Öffnung des Schleusentores konnte die Wasseraufstauung des Seffersbaches aufgehoben werden, wodurch sich die Turbine in Gang setzte.

Fellenberg 31932 übernahmen die Pächter Stephan und Paul Gottfrois den Werkstattbetrieb und produzierten Werkzeuge für Uhrmacher und Juweliere. Stefan Gottfrois erwarb 1959 das Anwesen mit dazugehörigem Betrieb und modernisierte die Produktion durch Hydraulik-Bauteile. Mit den ersten Quarz- und Digitaluhren wurde das Uhrmacherhandwerk ab den 1970er-Jahren durch modernere Produktionsabläufe ersetzt, woraufhin die Fellenbergmühle 1973 aufgegeben werden musste. Die Kreisstadt Merzig kaufte die Mühle mit der betriebsfähigen feinmechanischen Werkstatt in den 1990er-Jahren und ließ diese restaurieren. Der originale Werkstattcharakter des Feinmechanischen Museums Fellenbergmühle wurde bewahrt und bietet eine Einsicht in die Fertigungstechnik der Jahrhundertwende. Bis heute sind die Maschinen noch funktionsfähig und werden den Besuchern von den ehemaligen Lehrlingen des Betriebs anschaulich erklärt. 1997 erfolgte eine originalgetreue Instandsetzung, die mit dem saarländischen Denkmalpreis ausgezeichnet wurde.

Fellenberg 4Neben dem Museumsraum der Werkstatt befinden sich in der Fellenbergmühle auch Räumlichkeiten, in denen Kulturveranstaltungen und Kunstausstellungen stattfinden. Im Eingangsbereich des Museums befindet sich das Bistro „Cardan“, das Dachgeschoss wird für Wechselausstellungen und Trauungen genutzt. Durch die Authentizität des Museumsbetriebs kann die Fellenbergmühle als einzigartiges Beispiel feinmechanischer Produktionsabläufe im Übergang von der handwerklichen zur industriellen Fertigungstechnik angesehen werden. Das Industriedenkmal befindet sich auf der Regionalroute Saar-Lor-Lux auf der Europäischen Straße der Industriekultur (ERIH).


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Klaus Spaniol

Weiterführende Literatur:
BORMANN, Petra / SKALECKI, Georg (2000): Fellenbergmühle. Merzig (Saarland). (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals" 1999). Datei zum Download (PDF)
KREISSTADT MERZIG / FÖRDERVEREIN FELLENBERGMÜHLE E.V. (Hrsg.) (o.J.): Fellenbergmühle. Feinmechanisches Museum. Ein etwas anderes Museum. Faltblatt.
SCHMITT, Armin (1989): Denkmäler saarländischer Industriekultur. Wegweiser zur Industriestraße Saar-Lor-Lux. Saarbrücken.
SKALECKI, Georg (2002): Industriedenkmalpflege im Saarland: Strategien, Methoden, Ergebnisse. In: Les Cahiers lorrains, Heft 2, S. 213-231.
TRAPP, Wiebke (2000): Die Fellenbergmühle. Ein saarländisches Museumskleinod. In: Saarbrücker Hefte, Heft 84, S. 25-27.

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Saarbrücken – Der St. Johanner Markt

Bis zur Zusammenlegung von Saarbrücken, Malstatt-Burbach und St. Johann im Jahre 1909 waren alle drei Städte eigenständig. Als historisches Stadtzentrum St. Johanns ist der Markt anzusehen, von hier wuchs die Stadt zum Handelszentrum an.

51 St JohannerDas Eckhaus zur Knappengasse, das im Volksmund „Tante Maja“ genannt wird, galt wegen seiner gotischen Fenstergewände lange Zeit als ältestes Gebäude am Platz. Bei einem Brand im Jahre 1503 wurde die mittelalterliche Bebauung am Markt weitgehend zerstört; das Eckhaus wurde um 1680 unter Verwendung der Gewände und der Holzbalkendecken neu errichtet und trägt heute eine vorbarocke Fassadenfarbe. Die wohl ältesten Häuser Nr. 8 und 49 stammen aus dem 16. Jahrhundert, der älteste Gasthof, der „Stiefel“ wurde 1718 ebenfalls unter Verwendung älterer Bausubstanz gebaut. An der Nordostseite des Marktes repräsentiert die Häuserzeile Nr. 18-28 die Stengelzeit, in der barocke Bürgerhäuser gebaut, Fassaden bestehender Gebäude neu gestaltet oder zumindest in den Residenzfarben weiß und silbergrau gestrichen wurden.

52  St JohannerDer strahlend weiße, kreuzförmige Brunnen von 1759/60, in dessen Mitte ein Obelisk aufragt, gilt als Wahrzeichen für den St. Johanner Markt. Je mehr der Handel aufblühte, desto mehr verlagerte sich das Leben in die Bahnhofstraße; der Marktplatz wurde zur Durchgangsstraße. Da der Brunnen nun als Verkehrshindernis galt, wurde er versetzt und erst im Zuge der Etablierung der Fußgängerzone 1979 wieder an seinen alten Platz in der Sichtachse zur Saarstraße hin aufgestellt.

Der heutige Marktbereich ist das Ergebnis der städtebaulichen Erneuerung seit 1977, im Rahmen derer das charakteristische Stadtbild wieder hergestellt und eine Fußgängerzone eingerichtet wurde. Heute hat der Markt mit seinen Boutiquen, Kneipen, Bistros und Restaurants zunehmend die Funktion eines kommerziellen Freizeitbereiches für ein zahlungsfähiges Publikum, eine Entwicklung, die mit einer Abwanderung der Wohnbevölkerung einherging.


Text:
Tanja Kaiser

Fotos:
Sarah Halbfeld

Weiterführende Literatur:
BUND DEUTSCHER ARCHITEKTEN, LANDESVERBAND SAAR (1997): Architekturführer Saarland: 1981–1996. Saarbrücken.
SCHUBART, Robert (1968): Der Brunnen auf dem Marktplatz von Saarbrücken-Sankt Johann (1759/60) und die Fontaine Triomphale en Piramide in Nancy (1753/56). In: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend, 16. Jg., S. 248-281.

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Saarbrücken – Das Rathaus Saarbrücken-St. Johann

Im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfuhr das Land an der Saar einen wirtschaftlichen Aufschwung, der zu einem rasanten Anstieg der Bevölkerungszahlen führte. Dadurch ergaben sich neue und größere Aufgaben für die kommunalen Verwaltungen. In der damals noch selbstständigen Stadt St. Johann reichten die bisherigen Räumlichkeiten der Verwaltung im ehemaligen Schulhaus in der Ev.-Kirch-Straße nicht mehr aus, um Rathaus St-Johann Staatskanzlei kleinden Platzbedarf und das aufkommende Repräsentationsbedürfnis zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs zu erfüllen. So beauftragten die Stadtväter von St. Johann 1896 den Architekten der Rathäuser von München und Wiesbaden, Georg Josef Ritter von Hauberrisser (1841–1922), mit dem Bau eines Rathauses samt repräsentativem Forum. Nach nur drei Jahren Bauzeit wurde das Rathaus am 23. Juni 1900 eingeweiht. Mit dem Zusammenschluss der drei Städte Saarbrücken, St. Johann und Malstatt-Burbach im Jahr 1909 wurde der Verwaltungsbau zum Rathaus der neuen „Stadtgemeinde Saarbrücken“.

Passend zur schräg gegenüberliegenden Johanneskirche wurde das Rathaus im neugotischen Stil aus rotem Sandstein errichtet. Es reiht sich damit in die Tradition norddeutscher Städte ein, denn seit dem Mittelalter wurden Rathäuser konkurrierend neben Kirchen platziert, um den jeweiligen Machtanspruch des geistlichen und verwaltenden Zentrums zu demonstrieren. An der Verbindungsstelle der beiden stumpfwinklig aneinander stoßenden Flügel prangt ein polygonaler Turmerker, der mit dem asymmetrisch nach links verschobenen Turm korrespondiert. Der Rechteckturm der Hauptfassade ist 54 Meter hoch, aus ihm ertönt täglich um 15:15 Uhr und um 19:19 Uhr ein Glockenspiel. Das heutige, von der Handwerkskammer des Saarlandes anlässlich der 1000-Jahr-Feier Saarbrückens im Jahr 1999 gestiftete neue Glockenspiel – das erste wurde im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen – wechselt in vierteljährlichem Turnus. Links des Turmes schließt ein Giebeltrakt mit hohen Spitzbogenfenstern, Loggien und aufstrebenden Fialen an.

Trotz des historisierenden Gewandes erhielt das Rathaus auch einen gewissen wehrhaften Charakter, was an dem mit begehbarer Galerie ausgestatteten Beffroi (mit dem Rathaus verbundener Glockenturm) und dem an der linken Außenkante angebrachten Ziertürmchen zu erkennen ist. Die Ähnlichkeit zu mit Zinnen besetzten Wehrplattformen ist deutlich zu erkennen. An der Hauptschauseite sind die Erwerbszweige der Stadt durch sechs auf Konsolen gestellte Figuren (Bergmann, Schmied, Bauer, Brauer, Kaufmann und Schäfer) repräsentiert. Gegenüber der Hauptschauseite erscheint die Westfassade eher schlicht: Einziger Schmuck ist ein kleiner Erker vor dem Zimmer des Oberbürgermeisters.

Rathaus St-Johann Festsaal LHS kleinRathaus St-Johann LHS SB kleinDie Vielseitigkeit Hauberrissers zeigt sich in der Gestaltung des Innenraums und des zweistöckigen Festsaals, der im Giebeltrakt untergebracht ist und mit seinen bleiverglasten Maßwerkfenstern, Baldachinstatuen und monumentalen Wandbildern eine prunkvolle Ausstattung vorzuweisen hat. Nachdem festgelegt wurde, dass die Wandgemälde die Stadtgeschichte veranschaulichen sollten, wurde ein landesweiter Künstlerwettbewerb ausgelobt. Die Jury entschied sich daraufhin für den jungen Wilhelm Wrage (1861–1941). Die Darstellungen reichen von der Ortsgründung St. Johanns durch Bischof Arnulf von Metz (580–641) bis hin zur Schlacht auf den südlich der Stadtgrenze auf französischem Territorium gelegenen Spicherer Höhen im Jahr 1870. Seine stimmungsvolle Atmosphäre erhielt der Festsaal zudem durch seine Kamine aus rotem Sandstein, die dekorative Holzdecke, die Kronleuchter und die Ritterfiguren in spätmittelalterlicher Rüstung.

Rathaus St-Johann Halbfeld kleinHauberrisser sah in seinen Entwürfen bereits einen Ausbau zu einer unregelmäßigen Vierflügelanlage vor; bei der Erweiterung des Rathauses in den Jahren 1922–1928 wurde jedoch ein lang gestreckter Flügel an der Rückseite des Giebeltraktes ergänzt und 1936–1939 ein dritter Trakt rechtwinklig angefügt. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude bei einem Luftangriff beschädigt und drei Jahre nach Beendigung des Krieges restauriert. Das 1998 angeschlossene Rathaus-Carrée erschließt heute den Gebäudekomplex zur Bahnhofstraße hin.

Das Rathaus St. Johann ist eindeutig Ausdruck eines selbstbewussten Bürgertums, das eine neue Blütezeit herbeisehnte und die historisierenden Formen als adäquate Architektursprache ansah, wenn es um Bauaufgaben des kulturellen und bürokratischen Lebens ging. Darüber hinaus sah Hauberrisser die aufstrebende Bauweise und die Formen der Gotik als gebührende Tradierung auf einen Rathausbau. So ordnet sich das Rathaus St. Johann in die Tradition altdeutscher Rathäuser ein, die im deutschen Kaiserreich als Vorbild für administrative Bauaufgaben und als Bezeugung politischer Machtverhältnisse fungierten.

Heute sind nennenswerte gastronomische Einrichtungen im Rathaus St. Johann untergebracht. Neben dem „Kleinen Theater“, das mit einer Bühne im Gewölbekeller Platz für Figurentheater, Kammerspiel und kleine Konzerte bietet, dient das Restaurant „Ratskeller“ in einzigartigem Ambiente ebenfalls als Veranstaltungsstätte.


Text:
Tanja Kaiser (Überarbeitung: Isabelle Jost)

Fotos:
Staatskanzlei des Saarlandes (oberes Foto), Landeshauptstadt Saarbrücken (mittlere Fotos), Sarah Halbfeld (unteres Foto)

Weiterführende Literatur:
HELLWIG, Friedrich (1988): Das Saarbrücker Rathaus in St. Johann an der Saar. In: Saarbrücker Bergmannskalender 1988, S. 150-168.
KRANZ-MICHAELIS, Charlotte (1971): Das Rathaus Georg Hauberrissers in St. Johann an der Saar. In: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend, 19. Jg., S. 445-451.
www.memotransfront.uni-saarland.de/rathaus_stjohann.shtml (Artikel „Rathaus St. Johann“ von Gerhild Krebs).

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Saarbrücken – Das Staatstheater

Das Staatstheater wurde als kulturelles „Bollwerk“ gegen Frankreich in kurzer Bauzeit 1936–1938 nach Plänen von Prof. Paul Otto August Baumgarten (1873–1946), Berlin, erbaut. Hinsichtlich der Bühnentechnik war es noch lange in der Nachkriegszeit das modernste Theater Deutschlands. Offiziell erhielt das Saarland das „Gautheater Saarpfalz“ (zu dieser Zeit auch „Westgautheater“ oder „Grenzlandtheater Saarbrücken“ genannt) zum Anlass der Rückgliederung 1935 von der nationalsozialistischen Regierung als „Geschenk“, wobei jedoch ein Großteil von der Stadt Saarbrücken selbst finanziert wurde. Ältere Pläne, wie die von Stadtbaurat Kruspe von 1925, wurden von Adolf Hitler verworfen, Standort und Architekt durch ihn selbst bestimmt.

Staatstheater Staatskanzlei kleinStaatstheater Roth kleinAm 9. Oktober 1935 wurde das Staatstheater, das 1058 Zuschauern Platz bot, unter der Leitung des Intendanten Bruno von Niessen eingeweiht.

Die Gliederung des neoklassizistischen „Musentempels“ erfolgte in strukturierter Unterteilung der fast autark wirkenden Baukomponenten mit eigenen Dachausbildungen. Die inneren Funktionen sind am Außenbau ablesbar: ein quer liegendes Bühnenhaus, im Zentrum die mächtige turmartige Überhöhung der Hauptbühne für den Schnürboden (Zwischendecke oberhalb der Bühne, die auch als Seilboden bezeichnet wird), vorgelagert das halbrund abschließende Rechteck von Zuschauerraum und Foyer. Seitlich asymmetrisch angefügt befinden sich die Bautrakte mit den Seitenbühnen, Garderoben, Magazinen, Werkstätten und Büros.

Staatstheater IfLiS kleinDie repräsentative, monumentale Wirkung wird vor allem durch die halbrunde Eingangsfront mit vorgestellter kolossaler Säulenordnung über einer Freitreppe erzielt. Die ursprünglich kannelierten dorischen Säulen tragen nur ein schmales Gebälk aus glattem Fries und niedriger, ungegliederter Attikazone darüber – hier war ursprünglich der Reichsadler angebracht. Strenge Fensteranordnung, sowohl in kleinteiliger Ausbildung, als auch in vertikalen Bändern oder einem horizontalen „Loggia-Fenster-Fries“, Verkleidung der tragenden Stahlkonstruktion, glatte verputzte Wandflächen, klare Baukuben und kolossale Säulenordnung entsprechen der zeitgemäßen neoklassizistischen Formensprache für offizielle Prachtbauten. Tatsächlich prägen den Bau die Verbindung von behaglicher Gemütlichkeit, im Sinne des Heimatstils, mit einer monumentalisierten kühlen Proportionierung der Bau- und Raumteile sowie bestimmender Einzelformen, etwa der Frontsäulen oder der glatt verkleideten Innenpfeiler.

1942 wurde das Gebäude bei Bombenangriffen zerstört und bis 1944 wieder aufgebaut. Allerdings kamen bis zum nächsten Bombenangriff, der das Theater fast vollständig ruinierte, keine Zuschauer in den Genuss, eine Vorstellung zu sehen. 1946 begann der Wiederaufbau unter Französischer Besatzung. Bis zur Wiedereröffnung 1956 mussten sich Schauspieler und Besucher mit Behelfsbühnen und provisorischen Sälen begnügen.

Staatstheater innen IfLiS kleinEine kulturelle Blütezeit begann ab 1960 unter dem damaligen Generalintendanten Hermann Wedekind, der unter dem Motto „Kunst kennt keine Grenzen“ den Versuch wagte, vor allem Stücke ausländischer Künstler aufzuführen. 1983 erfolgte die konservatorische Unterschutzstellung als architektonisches Zeugnis des Nationalsozialismus an der Saar. Drei Jahre später wurde das Theater im Innern von Gottfried Böhm modernisiert.

Das Staatstheater ist ein Dreispartenhaus, das sich auf die Bereiche Musiktheater (Oper, Operette, Musical), Schauspiel und Tanztheater konzentriert. Spielstätten sind neben dem Haupthaus auch die „Alte Feuerwache“ am Landwehrplatz, die Congresshalle, in der Sinfoniekonzerte des Saarländischen Staatsorchesters stattfinden, sowie die im November 2006 hinzugekommene „Sparte4“ in der Saarbrücker Eisenbahnstraße. Die „Sparte 4“ bietet einen multifunktionalen Raum für Kleinkunst, Konzerte, Performances und experimentelles Theater. Jungen Künstlern wird hier die Möglichkeit gegeben, ihr Können darzubieten. Ferner werden auch Aufführungen „außer Haus“ angeboten wie beispielsweise in der „Industriekathedrale Alte Schmelz“ oder im „Weltkulturerbe Völklinger Hütte“.


Text:
Tanja Kaiser, Emanuel Roth (Überarbeitung: Isabelle Jost)

Fotos:
Staatskanzlei des Saarlandes (oberes Foto links), Emanuel Roth (oberes Foto rechts), Institut für Landeskunde im Saarland (untere Fotos)

Weiterführende Literatur:
DITTMANN, Marlen (2004): Die Baukultur im Saarland 1904–1945. Saarbrücken. (= Saarland-Hefte 3). zum Online-Shop
HEIDEMANN, Susanne (1988): Das Theater zu Saarbrücken. Seine Planungs- und Baugeschichte (1906–1938). In: Saarheimat, 32. Jg., Heft 6-7, S. 135-145.
MARSCHALL, Kristine (2009): Das Staatstheater in Saarbrücken (Saarland). (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals“ 2009). Datei zum Download (PDF)

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Saarbrücken – Die Moderne Galerie des Saarlandmuseums

Im Stadtteil St. Johann, am Ufer der Saar gelegen und nur wenige Meter von Staatstheater und Musikhochschule entfernt, befindet sich die Moderne Galerie des Saarlandmuseums. Nachdem in den 1950er-Jahren die Sammlung des Saarlandmuseums durch überregionale Kunstwerke, vor allem durch Gegenwartskunst erweitert wurde, war ein größerer Ausstellungsbereich vonnöten. Das Ergebnis eines 1962 ausgeschriebenen Wettbewerbs für das Baukonzept der Modernen Galerie fiel zu Gunsten des Architekten Hanns Schönecker (1928–2005) aus. In einzelnen Bauabschnitten wurden für die neue Galerie Pavillons errichtet. Die Herausforderung bestand nicht nur darin, einen funktionalistischen Bau zu entwerfen, sondern auch eine harmonische Einfügung in das Gelände des Saarufers zu erreichen. In Schöneckers Konzept lassen sich deutlich die Tendenzen der Bauhaus-Architektur erkennen.

Moderne Galerie 2 IsabelleModerne Galerie 3 IsabelleSchönecker realisierte seinen Entwurf in zwei Bauphasen (1964–1968, 1979). Die Moderne Galerie  setzt sich aus drei axial verschobenen Pavillons zusammen, die sich um einen zentralen Ausgangspunkt – das Foyer mit Caféteria, Verwaltung und Saal – anordnen. Dieser Bereich war als Verbindungsglied zwischen den Räumen der ständigen Ausstellung und dem großen Pavillon der Wechselausstellung gedacht. Die Pavillonbauten sind streng geometrische Kuben auf offenem quadratischem Grundriss. Die normierten Bauglieder präsentieren ihr Äußeres mit hellgrauen Muschelkalkplatten und Oberlichtbändern. Die Moderne Galerie zählte als Bau der Klassischen Moderne bei ihrer Einweihung im Jahr 1968 neben Ludwig Mies van der Rohes Berliner Nationalgalerie und Philip Johnsons Bielefelder Kunsthalle zu den ersten neuen Museumsbauten in der Bundesrepublik. Die Pavillons zeichnen sich durch Lichtflut und Raumweite aus, was optimale Belichtungsverhältnisse für Gemälde und Skulpturen schafft sowie Ausblicke auf das Saarufer und den Skulpturengarten zulässt.

Neben der zurückhaltenden Zweckdienlichkeit wurde die Flexibilität der Flächennutzung im Konzept des Neubaus gelobt. Das hohe Maß an Zweckmäßigkeit in Schöneckers Entwurf kann als Huldigung der Maxime „form follows function“, die Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) ins Leben gerufen hatte, verstanden werden.

Moderne Galerie 4 LHSBModerne Galerie 5 IsabelleHeute umfasst die Sammlung der Modernen Galerie herausragende Werke des 19. bis 21. Jahr- hunderts. Unter den Exponaten befinden sich Werke des Impressionismus, der Berliner Secession, die sich um Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth gruppierte, oder geschätzte Werke des deutschen Expressionismus und der Malerei des Informel. Eine umfangreiche Sammlung an Werken des Bildhauers Alexander Archipenko ergänzt die Ausstellung. Die Moderne Galerie bietet neben der ständigen Ausstellung auch Wechselausstellungen klassischer oder zeitgenössischer Kunst.

Entlang der Uferpromenade liegt der 1992 eröffnete Skulpturengarten, der Plastiken des 20. Jahrhunderts von namhaften Künstlern wie z.B. Anthony Caro, Karl Otto Götz, Leo Kornbrust oder Aristide Maillol umfasst. Hanns Schönecker hatte bereits einen vierten Komplex für die Moderne Galerie entworfen, der allerdings nicht realisiert wurde. Erst 2011 wurde mit einem umstrittenen Erweiterungsbau, dem "Vierten Pavillon", begonnen, dessen Baumaßnahmen noch nicht abgeschlossen sind (Stand: Februar 2015).


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Landeshauptstadt Saarbrücken (unteres Foto rechts), Isabelle Jost (übrige Fotos)

Weiterführende Literatur:
DITTMANN, Lorenz / KÖLTZSCH, Erika (1981): Moderne Galerie im Saarlandmuseum. Braunschweig.
DITTMANN, Marlen (2011): Die Baukultur im Saarland 1945–2010. (= Saarland-Hefte 4). Saarbrücken. zum Online-Shop
ENZWEILER, Jo / INSTITUT FÜR AKTUELLE KUNST IM SAARLAND (Hrsg.) (2002): Interview Architektur. Marlen Dittmann im Gespräch mit Hanns Schönecker. Saarbrücken.
MÜLLER, Bastian / MARSCHALL, Kristine (2011): Architektur der Nachkriegszeit im Saarland. (Hrsg.: Landesdenkmalamt im Ministerium für Umwelt, Energie und Verkehr). (= Denkmalpflege im Saarland 4). Saarbrücken.
SAARLAND-MUSEUM SAARBRÜCKEN (Hrsg.) (1976): Moderne Galerie Saarbrücken. Mit einer Einführung von Rudolf Bornschein. Saarbrücken.

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Saarbrücken – Die Alte Brücke

Die „Alte Brücke“ ist eines der ältesten verkehrstechnischen Denkmäler an der Saar. Wichtiger noch ist ihre symbolische Bedeutung als erste dauerhafte Verbindung zwischen den beiden seit 1321 selbstständigen Städten St. Johann und Saarbrücken. Die Brücke erst erleichterte die Kontaktaufnahme und die Kommunikation der Bewohner beider Städte. Bis 1546 bestand zwischen beiden Siedlungen nur eine Fährverbindung. Die Anregung zum Brückenbau kam von Kaiser Karl V. höchstpersönlich. Daraufhin ließ Graf Philipp II. im Laufe von drei Jahren eine steinerne, auf insgesamt dreizehn Pfeilern ruhende Bogenbrücke bauen. Das Bauwerk war 169,22 m lang, 7,38 m breit und die Höhe soll 10,15 m „über dem gewöhnlichen Wasserspiegel“ betragen haben.

57 Alte bruecke58 Alte Bruecke

In den folgenden Jahrhunderten setzten der Brücke Hochwässer mit Eisgang, Kriege sowie städtebauliche und verkehrstechnische Planungen zu. Während des Zweiten Weltkrieges blieb die Brücke anfangs von schweren Zerstörungen bewahrt. Kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen wurden jedoch alle Saar-Brücken im März 1945 durch die zurückweichende Deutsche Wehrmacht unbrauchbar gemacht. Die Alte Brücke ereilte dieses Schicksal zuletzt, mehrere Bögen waren zerstört. Im Juli 1946 erteilte die französische Militärregierung die Genehmigung zur Wiederherstellung der Alten Brücke. Am 13.12.1947 erfolgte die Einweihung der erneuerten Alten Brücke. Die letzten Eingriffe in die bauliche Substanz der Alten Brücke fanden in den 1960er-Jahren statt. Die Stadtautobahn wurde auf dem linken Saarufer errichtet. Um Platz für eine vierspurige Fahrbahn zu schaffen, wurden zwei Brückenbögen geopfert. An ihrer Stelle entstand ein schmaler Steg in Eisenkonstruktion. Damit hatte die Alte Brücke endgültig als Verkehrsverbindung für Fahrzeuge ausgedient, seither können sie nur noch Fußgänger benutzen. In mittlerweile über 450 Jahren hat die Alte Brücke ihre Standfestigkeit nachgewiesen. Sie ist eine wichtige, unverzichtbare Konstante im Stadtbild der Landeshauptstadt Saarbrücken.


Text:
Delf Slotta

Fotos:
Sarah Halbfeld

Weiterführende Literatur:
BEHRINGER, Klaus / BERGER, Marcella / OBERHAUSER, Fred (Hrsg.) (1998): Kähne, Kohle, Kussverwandtschaft. Ein Saarbrücker Lesebuch. Saarbrücken.
WITTENBROCK, Rolf (Hrsg.) (1999): Geschichte der Stadt Saarbrücken. Saarbrücken.

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Saarbrücken – Der Landtag

Das heutige Landtagsgebäude des Saarlandes an der Franz-Josef-Röder-Straße in Saarbrücken wurde 1865–1866 nach Plänen von Julius Carl Raschdorff (1823–1914), dem Baumeister des Berliner Doms, als Gesellschaftshaus für die Saarbrücker Casino-Gesellschaft entworfen. Die Bauausführung oblag dem Architekten Julius Emmerich (1834–1917) aus Trier. Zur Pflege von Gesellschaft und Kultur fanden sich 1.796 Beamte, Lehrer, Kaufleute und Händler zusammen und gründeten die Saarbrücker Casino-Gesellschaft, die heute noch den kulturellen Nachwuchs in den Sparten Musik, Theater und Bildende Kunst fördert.

61 Landtag62 LandtagDer zur Saar ausgerichtete Eingang im dreiachsigen Mittelrisalit wird durch ein Paar dorischer Säulen unter einem Dreiecksgiebel hervorgehoben. Griechisch-römische Architekturzitate sowie die Entlehnung des italienischen Villentypus begünstigten die repräsentativen Absichten der Casino-Gesellschaft. Diese Signifikanz zeigte sich auch in der Raumordnung und Ausstattung mit Kleinem und Großem Gesellschaftszimmer, Billardzimmer, Bibliothek, Tanzsaal, Buffetzimmer mit Speisenaufzug, aber nicht zuletzt im imposanten Weinkeller, der einst zu den größten in Deutschland zählte. Zwischen 1870 und 1918 diente das damalige Zivilcasino für wenige Jahre als Lazarett. Das spätklassizistische Gebäude wurde mehrfach umgebaut und erweitert; 1881 wurden der Ostflügel in Verlängerung der Hauptfassade und die auf der Südseite gelegene Gartenhalle nach Plänen von Hugo Dihm errichtet, der auch durch Auftrag von Carl-Ferdinand von Stumm (1836–1901) einen Saalbau für das Saarbrücker Schloss entwarf. 1892 entstand an der Ostseite ein Küchentrakt in Anlehnung an die Formen des Hauptbaus nach Plänen von Karl Brugger (1853–1935). Der Trakt wurde Ende der 1940er-Jahre nochmals erweitert, nachdem der Bau während des Zweiten Weltkriegs beschädigt wurde.

Landtag mit Alter Brücke RothLandtag Plenarsaal Urheber LdS Seit 1947 dient das ehemalige Zivilcasino als Sitz des saarländischen Landtages und erhielt einen zusätzlichen Bürotrakt. 1956 erfolgte der Ausbau des Plenarsaales. Ein Büroneubau wurde 1960, vom Hauptgebäude abgesetzt, errichtet. 2004–2008 wurden umfangreiche Sanierungsmaßnahmen vorgenommen. Im Rahmen der zunächst ausgeführten statischen Sicherung wurde die alte Dachkonstruktion komplett entfernt und durch eine längs zum Gebäude gespannte Brettschicht-Binder-Konstruktion ersetzt. Die äußere Form des Daches wurde in ihrer ursprünglichen Form wiederhergestellt. Die neue Dacheindeckung wurde – als sichtbare Verbesserung – in Zinkblech statt zuvor in Bitumen ausgeführt. Für die Planung des Projektes, das auch die Neugestaltung der repräsentativen Bereiche des Hauses (Eingangshalle, Treppenhäuser, Foyer und Plenarsaal) umfasste, zeichnete der Saarbrücker Architekt Oliver Brünjes verantwortlich. Insbesondere wegen seiner umsichtigen Auseinandersetzung mit der vorhandenen Bausubstanz wurde Brünjes für den Umbau des Landtagsgebäudes mit dem „Landes- und BDA-Preis für Architektur und Städtebau im Saarland 2008“ ausgezeichnet.

62a Saarland WappenIn Anlehnung an die historischen Besitzverhältnisse trägt das am 9. Juli 1956 vom Landtag verabschiedete Saarland-Wappen die Wappen der vier größten Herrschaften an der Saar vor der Französischen Revolution. So steht der gekrönte silberne Löwe in blauem Feld für das Fürstentum Nassau-Saarbrücken, das rote Kreuz in Silber für die Kurfürsten von Trier, der rote Schrägrechtsbalken in Gold mit drei gestümmelten silbernen Adlern (auch: Alérion; stilisierte Tierdarstellung in der Heraldik) für das Herzogtum Lothringen und der gekrönte, rotbewehrte goldene Löwe in Schwarz für das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken.

Der Landtag als Volksvertretung und oberstes Organ der politischen Willensbildung der saarländischen Bevölkerung wird auf fünf Jahre gewählt. Die Hauptaufgabe des Landtages besteht in der Gesetzgebung zur Regelung der Rechte und Pflichten der Bürger sowie zur Steuerung anderer staatlicher Organe. Daneben sind die Abgeordneten für die Wahl des Ministerpräsidenten und die Kontrolle der Exekutive zuständig.


Text:
Axel Böcker, Tanja Kaiser, Emanuel Roth (Aktualisierung: Juan Manuel Wagner, Isabelle Jost)

Fotos:
Sarah Halbfeld (obere Fotos), Emanuel Roth (Foto 3), Landtag des Saarlandes (Foto 4)

Weiterführende Literatur:
DER PRÄSIDENT DES LANDTAGS DES SAARLANDES (Hrsg.) (1987): 40 Jahre Landtag des Saarlandes. 1947–1987. Dillingen/Saar.
DITTMANN, Marlen (2011): Die Baukultur im Saarland 1945–2010. Saarbrücken. (= Saarland-Hefte 4). zum Online-Shop
MARSCHALL, Kristine (2011): Das Landtagsgebäude in Saarbrücken. Saarland. (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals" 2011). Datei zum Download (PDF)
GRÖPL, Christoph (o.J.): Landtag des Saarlandes. Datei zum Download (PDF) (zuletzt abgerufen am 13.08.2014)
LUTZ, Friedrich / JAGER, Lutz (2013): Der Landtag des Saarlandes im Casino-Gebäude. In: Ley, Hans (Hrsg.): Kunst im Landtag des Saarlandes. Saarbrücken, S. 6-15. Datei zum Download (PDF)

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Saarbrücken – Die ehemalige Französische Botschaft

Direkt an der Saarbrücker Westspange und dem Saarufer gelegen, beherrscht der Bau der ehemaligen Französischen Botschaft das Stadtbild an der Hafeninsel. Die „Ambassade de France“ entstand zwischen 1951 und 1954 im Zuge des städteplanerischen Wiederaufbaus. Von 1960 bis 2014 war der Komplex Sitz des Ministeriums für Bildung und Kultur. Für die Bauausführung wurde der französische Architekt Georges-Henri Pingusson (1894–1978) engagiert, der die Unterstützung der Architekten Bert Baur und Bernhard Schultheis zugesichert bekam. Gilbert Grandval (1904–1981), der Hohe Kommissar und Botschafter, der als Vertreter Frankreichs im autonomen Saarland fungierte, hatte Pingusson bereits die Realisierung einer Botschaft übertragen und renommierte französische Architekten für die Städteplanung im Rahmen des Wiederaufbaus gewonnen. Das Saarland und Frankreich waren nach dem Zweiten Weltkrieg durch eine Währungs-, Wirtschafts- und Verteidigungsunion verbunden.

Botschaft 3 IsabelleBotschaft 2 IsabellePingusson war mit Le Corbusier (1887–1965) – einem der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts – befreundet, dessen Einfluss auch am Botschaftsgebäude spürbar wird. Pingusson und Le Corbusier gehörten beide der „Union des Artistes Modernes“ an. Werte und Wirkung der avantgardistischen Bewegung der 1920er-Jahre wurden getragen vom CIAM (Congrès Internationaux d´Architecture Moderne), dem Pingusson und Le Corbusier regelmäßig beiwohnten. Die städtebauliche Planung, die nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs unerlässlich wurde, sah für das weitgehend zerbombte Saarbrücken sieben Hochbauten am Saarufer vor, die nicht realisiert wurden, worauf Pingusson 1949 zunächst nach Paris zurückkehrte. Die „Ambassade de France“ wurde in den Jahren 1951–54 ausgeführt. Als Grundlage der Entwürfe kann Le Corbusiers „Wohnmaschine“, die „Unité d´habitation“ in Marseille (weitere u.a. auch in Berlin oder Nantes), herangezogen werden, die in Saarbrücken jedoch nicht als funktionalistische Wohneinheit, sondern als Verwaltungsbau, bestehend aus unterschiedlich gestalteten Baukörpern, umgesetzt wurde. Die Botschaft wurde in zwei Blöcke – die Verwaltungsräume der Botschaft und die Büro-, Wohn- und Repräsentationsräume des Botschafters – unterteilt.

Der 100 m lange, aber nur 8 m breite Verwaltungsbau wurde aufgrund seiner geringen Tiefe von der Bevölkerung als „Schmales Handtuch“ oder „Schokoladenkästchen“ bezeichnet und bildet den westlichen Teil des Ensembles. Die Westfassade des achtgeschossigen Verwaltungshochbaus wird von dem über die Gebäudeflucht hervorragenden Treppenhausturm dominiert. Das Botschaftsensemble stellt trotz der Aufteilung in Wirtschafts- und Repräsentationsbauten ein geschlossenes System dar. An den achtgeschossigen Verwaltungstrakt schließen sich östlich niedrige Repräsentationsgebäude an, welche sich um einen „Ehrenhof“ gruppieren. Insgesamt lassen sich fünf flachgedeckte, dreigeschossige Bauglieder zum Osttrakt zusammenfassen. Auf der Südseite des Ostflügels erstreckt sich die Gartenanlage, die über eine große Freitreppe erschlossen wird. Durch einen L-förmigen Trakt mit Wohneinheiten für den Botschafter wurde das Ensemble im Osten abgeschlossen.

Botschaft 4 IsabelleAnhand der Gliederung der „Ambassade“ im Mantel einer innovativen Architektur der 1950er-Jahre ist die traditionsreiche Suggestion als ein wichtiger Bestandteil anzusehen. Insbesondere mit einem auf einer Betonaufständerung mit sich nach unten verjüngenden Stützen (Pilotis) lagernden Verwaltungsflügel und den vorgefertigten Modulen für das „Jochsystem“ des Stahlskelettbaus folgte Pingusson den funktionalistischen Ideen und zum Teil auch den architekturtheoretischen Grundlagen Le Corbusiers. Auch in den repräsentativen Innenräumen werden der Monumentalität der Innenausstattung immer wieder Leichtigkeit und Transparenz vermittelnde Elemente – wie die Pilotis oder großformatige Glaselemente – entgegengesetzt.

Das Ensemble in der Hohenzollernstraße 60 steht seit 1985 unter Denkmalschutz. Im Jahr 2014 ist das Ministerium für Bildung und Kultur in die Räumlichkeiten der „Alten Post“ am Saarbrücker Hauptbahnhof umgezogen. Derzeit werden Möglichkeiten einer Sanierung, deren Finanzierung und Folgenutzungen für das leer stehende Gebäude untersucht.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
DITTMANN, Marlen (2011): Die Baukultur im Saarland 1945–2010. (= Saarland-Hefte 4). Saarbrücken. zum Online-Shop
DITTMANN, Marlen / KOLLING, Dietmar (2011): Georges-Henri Pingusson und der Bau der Französischen Botschaft in Saarbrücken. (Hrsg.: Deutscher Werkbund Saarland und Institut für aktuelle Kunst im Saarland). Datei zum Download (PDF)
GRAF, Sabine (2013): Pingussons Saarbrücken. In: Bauwelt, Heft 20, 104. Jahrgang. Gütersloh, S. 8-10.

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Saarbrücken – Die Gedenkstätte "Neue Bremm"

Die Neue Bremm nahe der französischen Grenze war 1943/44 für zwei Jahre ein „erweitertes Polizeigefängnis“ der Gestapo, deren Hauptsitz sich während des Zweiten Weltkrieges im Saarbrücker Schloss befand. Bis zu 500 Häftlinge waren in dem Barackenlager Neue Bremm interniert. Im Dezember 1943 wurde ein weiteres Lager von gleicher Dimension nur für Frauen errichtet. Dieses befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des Alstinger Weges in Saarbrücken. Das Gestapo-Lager wurde als „Arbeitserziehungslager“ unter der Bezeichnung „erweitertes Polizeigefängnis“ der Nationalsozialisten genutzt.

Neue Bremm 2 IsabelleNeue BremmUnter grausamen Bedingungen mussten etwa 20.000 Häftlinge das Lager durchlaufen. Darunter waren neben jüdischen Gefangenen auch Arbeitsunwillige oder „widerspenstige“, d.h. „nicht linientreue“ Gefangene. Im Zentrum des Lagers befand sich ein „Löschweiher“, ein quadratisches Wasserbecken, das zu Folterzwecken der Häftlinge missbraucht wurde. Die Opfer des Lagers bestattete die Gestapo neben dem Saarbrücker Hauptfriedhof. Ende 1944 wurde das Lager in Saarbrücken aufgelöst und nach Heiligenwald verlegt. 1947 entstand erstmals ein „Gedächtnisplatz“ mit französischem Gedenkstein und Obelisk aus Stahlbeton an der Metzer Straße.

Gilbert Grandval, der damalige Gouverneur der französischen Militärverwaltung, weihte die Gedenkstätte am 11. November 1947 ein. Die Gedächtnisstätte Neue Bremm, deren Gestaltung sich der ungarisch-französische Architekt André Sive annahm, wurde in der Einfachheit funktionalistischer Gestaltungsprinzipien angelegt. Das 30 Meter in die Höhe ragende Monument, eine Stahlbetonstele, könnte einem französischen Bajonett nachempfunden sein. Die Gedenkstätte, in die neben Gedenktafel und Monument nach einem städtebaulichen Konzept auch Versammlungsplatz und eine Pappelallee integriert wurden, stand jedoch ganz in der Tradition eines Kriegerdenkmals für gefallene Soldaten, was das Gedenken an die Kriegsverbrechen zum Opfer gefallenen Frauen erschwerte.

1985 wurden deutschsprachige Ergänzungen an der Erinnerungstafel angebracht. Seit 1998 wurde durch die „Initiative Neue Bremm“, eine Vereinigung engagierter Bürger und Bürgerinnen, eine Umgestaltung des Gedächtnisortes in die Wege geleitet. Von Studierenden der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBKsaar) wurden vorübergehend zwei nicht statische Kunstprojekte installiert, um die Dauer der Umsetzung zu überbrücken und den Bürgern die Notwendigkeit einer Neugestaltung ins Bewusstsein zu rufen. Sandra Anstätt und Rolf Giegold hatten die Konzeptidee des „Wetterfernsehns“ – eine telematische Skulptur, die ein Standbild der Gedenkstätte auf acht Monitore, die eigens für diese Skulptur in Saarbrücken angebracht wurden, übertrug. Das „Wetterfernsehn“ war in den Jahren 1999 und 2000 an öffentlichen Plätzen der Innenstadt zu sehen.

Neue bremm 7 IsabelleNeue Bremm 6 IsabelleVon der „Initiative Neue Bremm“ wurde im Jahre 2000 ein Ideenwettbewerb ausgelobt, der als aussagekräftigsten Entwurf das „Hotel der Erinnerung“ präsentierte. Das Konzept wurde von den Berliner Architekten Nils Ballhausen und Roland Poppensieker eingereicht. In die Planung wurde ein Hotel miteinbezogen, das 1975 an der Stelle des ehemaligen Frauenlagers errichtet wurde. Die Einweihung fand am 7. Juli 2004 statt. Das Frauenlager wurde nun erstmals in das Konzept eingeschlossen, ferner konnte die Gedenkstätte erneut in die Metzer Straße eingebunden werden.

Auf der Seite des Männerlagers wurde eine 65 m lange und ca. 3 m hohe Mauer aus Sichtbeton errichtet. Ein elektrisches Leuchtschriftband kleidet die Mauer zur Metzer Straße hin mit der Wortreihung „HOSTAL HOSTILE HOTEL HOSTAGE GOSTIN OSTILE HOSTEL HOSTIL HOST“. Das beleuchtete Band verweist damit auf Konnotationen, die sich aus dem indoeuropäischen *ghosti (lateinisch: hostis) ableiten. Am südlichen Ende der Begrenzungsmauer, wo der Alstinger Weg beginnt, wurde die Mauer erhöht und dient als Plakatwand. Ein in Beton gefrästes historisches Foto aus dem Jahr 1943 ist über dem Leuchtband angebracht. Das Foyer des Hotels dient als vermittelnder Ort, in dem Tafeln über die Geschichte des Ortes informieren.


Text:

Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
BARTON, Stefan (1999): KZ und Gedenkstätte Neue Bremm in Saarbrücken. Dokumentation 1943–1999 mit ausgewählten Texten, Plänen und ausführlicher Chronologie. (Hrsg.: Landeshauptstadt Saarbrücken). Saarbrücken.
DIMMIG, Oranna (2001): Das „Denkmal zur Erinnerung an das Konzentrationslager Neue Bremm in Saarbrücken“ von André Sive 1947. In: Mitteilungen 9, S. 13-23. (Hrsg.: Institut für aktuelle Kunst im Saarland). Datei zum Download (PDF)
DIMMIG, Oranna (2004): „dass es so der Zukunft erhalten bleibe…“ Über das Lagergelände und die Gedenkstätte Neue Bremm in Saarbrücken, insbesondere ihre Veränderungen und die Neugestaltung nach der Idee „Hotel der Erinnerung“. In: Mitteilungen 12, S. 14-25. (Hrsg.: Institut für aktuelle Kunst im Saarland). Datei zum Download (PDF)
DIMMIG, Oranna (2011): Stätten des Gedenkens an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im öffentlichen Raum der Landeshaupt Saarbrücken, Bezirk Mitte. In: Institut für aktuelle Kunst im Saarland (Hrsg.): Kunstlexikon Saar. Kunstort. Stätten des Gedenkens an Opfer der NS-Gewaltherrschaft. Saarbrücken, Bezirk Mitte. Saarbrücken, S. 6-42. Datei zum Download (PDF)
VOLK, Herrmann (1990): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945, Band 4, Saarland. (Hrsg.: Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des deutschen Widerstandes 1933–1945). Köln, S. 25f.

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Saarbrücken – Die Villa Obenauer

Peter Behrens (1868–1940), der Architekt der Villa Obenauer, war einer der ersten Mitglieder des Deutschen Werkbundes und neben seiner Hauptaufgabe als Architekt auch als Produkt- und Industriedesigner sowie als Maler tätig. 1901 errichtete Behrens sein erstes architektonisches Werk: sein eigenes Wohnhaus auf der Mathildenhöhe bei Darmstadt. Bekannt geworden ist der aus Hamburg stammende Architekt vor allem durch die Aufträge der AEG, wie beispielsweise die Turbinenhalle (1909) in Berlin. Peter Behrens gilt als Vorreiter der Bauhaus-Architektur und der modernen Industriearchitektur, da er den „Industriebau als Kulturaufgabe“ ansah. In seinem Architekturbüro in Berlin arbeiteten unter anderem namhafte Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius oder Le Corbusier.

Am Trillerweg 58 in Alt-Saarbrücken wurde 1905–1907 die Villa Obenauer, ein Wohnhaus für den Kaufmann Gustav Obenauer, nach Plänen von Behrens errichtet, der auch das ursprüngliche Interieur entwarf. 1940 wurde das Anwesen, bis dahin Erbe der Familie Obenauer, an die Reichsautobahnverwaltung verkauft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein städtisches Jugendfürsorgeheim dort eingerichtet. 1962 ging das seit 1960 unter Denkmalschutz stehende Objekt in Bundeseigentum über.

101 villa obenauerBei Behrens ist die Entwicklung vom Jugendstil zu einer geometrisierenden Gestaltungsweise am Beispiel der Villa Obenauer deutlich zu sehen. Aus der Wechselwirkung horizontaler und vertikaler Einheiten resultiert die Formation kubischer Elemente. Das Wohnhaus Obenauer ist terrassenförmig gestaffelt, um die Hanglage des Grundstücks auszubalancieren. Vom Grundriss bis zur Fassadengestaltung wurde dem Baukörper ein klares, stereometrisches Gepräge verliehen. Die Bausubstanz setzt sich aus einem quadratischen Wohnkubus und einem viereckigen Anbau, der den Hauptkomplex durchdringt, zusammen. Eine Pfeilerhalle aus Tuffstein, die als Aussichtsterrasse dient, ist dem Gebäude als Sockelgeschoss vorgelagert. Diese wirkt durch das unverputzte, dunkle Gestein sehr monumental. Zwischen Kernbau und rechtsseitig zurücktretendem Wirtschaftsflügel war ursprünglich ein Glaserker als vermittelndes Glied eingebettet, dieser wurde bereits 1920 entfernt. An der linken Schauseite tritt ein niedriger Pavillon mit Bullaugenfenster und Balustradenabschluss in Richtung Straße hervor. Die Fassade ist symmetrisch gegliedert. Während die Mittelachse des ersten Obergeschosses zurücktritt (Rücklage), treten die risalitartigen Kuben des zweiten Obergeschosses hervor. Die Geschosse sind durch Zahnschnitt voneinander abgesetzt, welcher durch einen ausschwingenden Balkon mit verspieltem Eisengitter unterbrochen wird – ein beabsichtigter, fast organisch anmutender Kontrast zu der Strenge der rechtwinkligen Proportionen. Die schmale Mittelachse wird zudem durch einen dreieckigen Giebelabschluss mit halbkreisförmigem Fenster bekrönt. Abgeschlossen wird das Baugefüge von einem Zeltdach. Das Grundstück wird zur Straße hin mit einer Stützmauer begrenzt, die durch den Eingangsbereich unterbrochen ist.

Bis 2001 waren die Büros des Bundesvermögensamtes in der Villa Obenauer untergebracht. Heute wird sie ihrer ursprünglichen Nutzungsbestimmung eines privaten Wohnhauses wieder gerecht. Man bemühte sich um eine denkmalgerechte Sanierung. Der Baukomplex ist ein innovatives Beispiel des „Neuen Bauens“, da er durch schlichte Harmonie und partiell klassisches Formenvokabular ein besonderes Phänomen darstellt. Durch die avantgardistische Wegweisung in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts hebt sich die Villa Obenauer von der zeitgleich existenten historistischen Architekturdisposition der Region sowie dem Jugendstil ab.


Text:
Isabelle Jost

Foto:
Institut für Landeskunde im Saarland

Weiterführende Literatur:
BAULIG, Josef (2007): Renovierung der Villa Obenauer. In: Die Denkmalpflege – Wissenschaftliche Zeitschrift der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland, Band 65, Heft 1, S. 83-84.
DITTMANN, Marlen (2000): Die Villa Obenauer – Ein Werk von Peter Behrens 1905–1907. Eine Dokumentation. (Hrsg.: Deutscher Werkbund Saarland e.V.). Saarbrücken.
DITTMANN, Marlen (2008): Eine Inkunabel der modernen Architektur: die Villa Obenauer von Peter Behrens. In: Saarbrücker Hefte – Die saarländische Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Nr. 100, S. 25-35.
SKALECKI, Georg (1999): Villa Obenauer in Saarbrücken. Saarbrücken. (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals" 1999). Datei zum Download (PDF)

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Saarbrücken – Das Schloss zu Alt-Saarbrücken

siehe „Schlösser und Herrenhäuser

 



Saarbrücken – Die Stiftskirche St. Arnual

siehe „Kirchen und Klöster

 



Saarbrücken – Die Ludwigskirche und der Ludwigsplatz in Alt-Saarbrücken

siehe „Kirchen und Klöster

 



Saarbrücken – Die Basilika St. Johann

siehe „Kirchen und Klöster

 



Saarbrücken – Die Saarbrücker Bergwerksdirektion

siehe „Bergbau und Industrie

 



Saarlouis – Die Vaubanschen Festungsanlagen

Im Zuge der Besetzung Lothringens durch Frankreich wurde ein Jahr nach dem Frieden von Nijmwegen (1678/79) in der Saaraue zwischen Fraulautern und Wallerfangen in nur sechsjähriger Bauzeit die neue Festung „Saarlouis / Sarre-Louis“ angelegt. Benannt nach dem französischen König Ludwig XIV. (1638–1715), diente die Festung der Sicherung neu erworbener territorialer Besitzungen an der französischen Ostgrenze. Der absolutistische Herrscher verlieh der Stadt nicht nur seinen Namen, auch die bourbonischen Lilien und die Sonne im Wappen der Stadt deuten noch heute auf den Sonnenkönig hin.

Saarlouis Karte IfLiS kleinKonzipiert wurde die Festungsstadt durch den Baumeister des Sonnenkönigs, Sébastien Le Prestre de Vauban (1633–1707), und den ersten Gouverneur von Saarlouis, Marquis Thomas de Choisy (1632–1710), als Inundationsfestung (Festung mit der Möglichkeit einer strategischen Überflutung als Verteidigungsmaßnahme), deren Gräben samt Umland im Verteidigungsfall durch Aufstauen der Saar etwa 1,50 Meter hoch überflutet werden konnten. Hierzu konnten die Schleusentore unter der Saarbrücke geschlossen werden.

Die Festungsanlage gliederte sich in ein regelmäßiges Sechseck (die geschützte Hauptfestung) und ein sternförmiges Hornwerk (das bastionierte Außenwerk der Festung), die heute durch den Saaraltarm voneinander getrennt sind. Der ursprüngliche Verlauf ist noch an den umlaufenden Ringstraßen ablesbar. Offiziell wurde im Jahr 1680 mit den Bauarbeiten der Festung begonnen. Das von Choisy ersuchte Gelände zählte zu dieser Zeit zu den Ländereien der Abtei Wadgassen und wurde durch Enteignung des lothringischen Herzogs dem französischen Staatseigentum überschrieben.

Im ersten Bauabschnitt wurden zunächst Gräben, Wälle und erste Militärunterkünfte fertiggestellt. Bereits 1686 waren die Bastionen und damit die Festungsanlage vollendet. Von den sechs Bastionen ist noch eine, Bastion VI („Bastion de Vaudrevange“, seit 1821 „Bastion Prinz Albrecht“) großteils erhalten. Die Bastionen waren durch Kurtinen (Verbindungswälle) verbunden. Der Bastion VI gegenüber liegt auf der kleinen Saarinsel, zum Schutz der Schleusenbrücke, die „Contregarde Vauban“ (auch „Contregarde de l‘écluse“ oder „Vaubaninsel“ genannt); hier sind die Statuen des Marschall Ney und des Soldaten Lacroix zu finden. Als Brückenkopf diente das nördlich vorgelegte Hornwerk, gebildet aus zwei Halbbastionen mit Graben und vorgelagertem Ravelin (Wallschild zum Schutz einer Kurtine), welches im heutigen Stadtgarten erhalten ist. Die Garnisonsstadt wurde für die Besatzungsstärke von vier- bis fünftausend Soldaten angelegt. Zwei Gräben umgaben die Anlage: der 36 Meter breite Hauptgraben und der 24 Meter breite Ravelingraben.

Saarlouis Vauban Falk 1 kleinSaarlouis Vauban Roth kleinTrotz Abtretung Lothringens nach dem Frieden von Rijswijk 1697 behielt Frankreich die Festung Saarlouis bis nach den napoleonischen Kriegen. 1815 fiel die Festung an Preußen. Zwischen 1815 und 1854 folgten Instandsetzungen, der weitere Ausbau der Stadt und die Errichtung neuer Kasernen. Durch die Annexion von Elsass-Lothringen nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 verlor die Festung ihre Bedeutung; sie wurde offiziell 1887 als Festung aufgehoben und in den darauf folgenden Jahren von der preußischen Regierung geschleift.

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges wurde statt einer völligen Neuplanung auf der Grundlage eines Ideenwettbewerbs 1948 der Wiederaufbau auf dem alten Stadtgrundriss beschlossen. Durch diese Anlehnung an die geradlinigen und rechtwinkligen Grundrisse des Vaubanschen Sechsecks wurde ein wesentlicher Grundzug der Stadtgeschichte bewahrt.

Saarlouis Vauban Falk 2 kleinSaarlouis Vauban Falk 3 kleinDie Relikte der Festung sind heute zum Teil in die weitläufige Parkanlage des Stadtgartens und des Naherholungsgebiets „Saaraltarm“ eingebettet. Entlang des Deutschen Tors und des Anton-Merziger-Rings sind Großteile der Kasematten erhalten, in denen Gastronomiebetriebe untergebracht sind. Zu den Beständen des ehemaligen Hornwerks und der Festungsmauern gelangt man über die Holtzendorffer Straße.

Die Place d‘Armes (Paradeplatz), der Exerzierplatz der Garnison, ist heute als Großer Markt bekannt und für die Kreisstadt Saarlouis stadtbildprägend. Ähnlich einer Place Royale stand hier einst eine Statue des Sonnenkönigs. Die Peripheriebebauung des Platzes fasste Gebäude mit gleich großem Grundriss, die Kommandantur, das Rathaus sowie die Kirche St. Ludwig, ein.


Text:
Tanja Kaiser, Emanuel Roth (Überarbeitung: Isabelle Jost)

Karte:
Institut für Landeskunde im Saarland

Foto:
Emanuel Roth (oberes Foto rechts), Jens Falk (übrige Fotos)

Weiterführende Literatur:
BALZER, Ludwig Karl (2001): Saarlouis – Das königliche Sechseck. Bau der Festungsstadt in der Zeit des Sonnenkönigs. Saarbrücken.
FLESCH, Stefan (1993): Die ehemalige Vauban-Festung. In: Conrad, Joachim / Flesch, Stefan (Hrsg.): Burgen und Schlösser an der Saar. 3. Auflage. Saarbrücken, S. 227-233.
HAHN, Anne (2000): Die Entfestigung der Stadt Saarlouis. St. Ingbert. (= Schriften des Landkreises Saarlouis, Band 4).
HERRMANN, Hans-Walter / IRSIGLER, Franz (Hrsg.) (1983): Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt. Referate und Ergebnisse der Diskussion eines Kolloquiums in Saarlouis vom 24.–27.6.1980. Saarbrücken. (= Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung, Band 13).
KRETSCHMER, Rudolf (1985/1989): Festungen des 17. und 18. Jahrhunderts: Saarlouis. [Karte: 1985; Erläuterungsheft: 1989]. In: Institut für Landeskunde im Saarland (Hrsg.): Geschichtlicher Atlas für das Land an der Saar. Saarbrücken. zum Online-Shop
SKALECKI, Georg (1998): Vauban-Festung Saarlouis – Saarlouis (Saarland). Saarbrücken. (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals“ 1998). Datei zum Download (PDF)
ZIMMERMANN, Walther (1934): Die Kunstdenkmäler der Kreise Ottweiler und Saarlouis. Herausgegeben von der Saarforschungsgemeinschaft mit Unterstützung der Kreise. Bearbeitet von Walther Zimmermann mit einem Beitrag von J.B. Keune. Düsseldorf.

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Sulzbach – Die historischen Salzhäuser

In unserer Region wurde Salz ausschließlich aus dem Grundwasser gewonnen. Neben der Saline in Sulzbach gab es im heutigen Saarland nur noch in Rilchingen (Gemeinde Kleinblittersdorf) eine Salzgewinnungsanlage, die einst im Besitz der Grafschaft von der Leyen war.

Der Ortsname Sulzbach weist auf die Bedeutung des Salzes am Siedlungsstandort hin. Im Jahr 1346 ist erstmals urkundlich belegt, dass der Ort „solzpach“ genannt wurde, woraus man auf Kenntnisse der Einwohner über das salzhaltige Grundwasser schließen kann. Die Anfänge der Salzproduktion sind jedoch erst auf das Jahr 1549 zu datieren. Die Saline in Sulzbach war die einzige der Grafschaft Nassau-Saarbrücken. Sie setzte sich im Wesentlichen zusammen aus Brunnen mit Hebewerken, einem Gradierwerk zur Konzentration des Salzgehaltes und dem Sudhaus für die Erhitzung und Kristallisation der Sole.

Salzhaeuser 1 Jost kleinIm 17. Jahrhundert kam die Salzproduktion durch den Dreißigjährigen Krieg und die Reunionskriege immer wieder zum Erliegen. Die Wiederinbetriebnahme der Anlage Ende des 17. Jahrhunderts stand im Zeichen landesherrlicher Autarkiebestrebungen. Die letzte bedeutende Salzperiode im Sulzbachtal fand ab 1730 unter dem fürstlichen Salzdirektor“ Joseph Todesco statt, der – abgesehen von den Brunnen – alle Funktionsbauten nach Dudweiler auslagerte. Mithilfe von Kandeln (aus Pflastersteinen ausgebildete Mulden) wurde die Sole entlang des Sulzbaches nach Dudweiler geleitet. Konnte mit dem gewonnenen Salz im Jahr 1733 noch fast der gesamte Bedarf von Nassau-Saarbrücken gedeckt werden, ging die Soleschüttung bereits ein Jahr später so stark zurück, dass die Anlage 1736 endgültig geschlossen wurde. 1738/39 wurden die Gebäude versteigert und verkauft.

Der einstige Salinenort geriet in Vergessenheit bis im Jahr 1947 in einer Sozialwohnung des Sulzbacher Salzbrunnenhauses der Boden einstürzte, wodurch man wieder auf den ehemaligen Hauptbrunnenschacht aufmerksam wurde. In dem ummauerten Brunnenbecken haben sich die Reste der ursprünglichen Eichenverzimmerung von ca. 1560 erhalten. Die Brunnenüberbauung war notwendig geworden, um einer Verschmutzung der Sole vorzubeugen. Die Sole wurde durch ein hölzernes Pumpwerk gehoben, von dem bei Untersuchungen des Preußischen Bergfiskus eine knapp 10 m lange Welle und eine kleinere mit drei Rädern gefunden worden waren. Das mittlere war das Antriebsrad. Es besaß hölzerne Zapfen und einen Durchmesser von etwa 2,50 m. Die beiden äußeren Räder von etwa 2 m Durchmesser waren glatt und dienten der Transmission. Wegen ihrer geringen Salzkonzentration wurde die geförderte Sole in hölzernen Wasserkästen vorverdunstet und in einem Gradierwerk weiter eingedickt, bevor sie im Sudhaus in Pfannen langsam erhitzt wurde. Der Siedevorgang dauerte etwa 24 Stunden.

Salzhaeuser 2 Jost kleinSalzhaeuser 3 Slotta kleinDie noch vorhandenen historischen Gebäude, das Salzbrunnenhaus (mit dem im 19. Jahrhundert angebauten „Haus Weber“) und das im rechten Winkel zum Brunnenhaus stehende Salzherrenhaus mit seinem prägnanten Mansarddach wurden saniert und beherbergen heute eine Veranstaltungsstätte, die Volkshochschule und das Kulturamt der Stadt Sulzbach. Gemeinsam mit dem galerieartigen Neubau der Stadtbibliothek hat sich das historische Ensemble zu einem beachtenswerten Kulturzentrum entwickelt.

Um die frühere Salzproduktion erlebbar zu machen, wurde ein Konzept entworfen, auf dem Salzbrunnengelände historische Funktionselemente, die zur Salzgewinnung dienten, nachzubauen. Mit der Umsetzung wurde im Mai 2011 begonnen. Im Mittelpunkt der rund 130 Quadratmeter großen, von einem palisadenähnlichen Zaun umgrenzten Fläche steht der Nachbau eines Gradierwerks, dessen Richtfest im März 2012 feierlich begangen wurde.


Text:
Isabelle Jost, Delf Slotta

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
JÜNGST, Karl Ludwig (1996): Nassau-Saarbrücker Salzgewinnung im Sulzbachtal. Sulzbach 1549–1736, Dudweiler 1730–1736. Herausgegeben zum Jubiläumsjahr „650 Jahre Ersterwähnung und 50 Jahre Stadt Sulzbach“. Sulzbach.
QUACK, Brigitte / LUPP, Peter Michael / ROTH, Emanuel (2004): Die historischen Salzhäuser in Sulzbach. (Hrsg.: Stadtverband Saarbrücken – Stabsstelle Regionalentwicklung). Saarbrücken. (Publikationsreihe „KulturDenkmäler im Stadtverband Saarbrücken“).

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