Anker der Identität –
Vorrömische und römische Geschichte


Der Gollenstein
Der keltische Ringwall „Hunnenring“ bei Otzenhausen
Der römische vicus Wareswald bei Tholey
Das Quellheiligtum Sudelfels in Ihn
Der Europäische Kulturpark Bliesbruck-Reinheim
Der römische vicus Schwarzenacker
Die römische Villa Nennig und ihr Mosaik
Die römische Villa Borg

 



Der Gollenstein

Auf dem Hohberg zwischen den Orten Blieskastel, Alschbach und Lautzkirchen steht der Gollenstein, ein rund 30 Tonnen schwerer, pfahlartiger Monolith, der mit etwa 6,6 m (zuzüglich 1 m unter der Erde) der größte seiner Art in Mitteleuropa ist. Er ist jedoch kein natürlich entstandenes Felsgebilde, sondern vielmehr ein von Menschenhand behauener Buntsandstein, der auf die Hochebene hinauf gebracht worden ist.

GollensteinDen Gollenstein mit dem keltischen Begriff „Menhir“ für „langen Stein“ zu benennen, ist jedoch unzutreffend, denn als die Kelten in diese Gegend kamen, stand der Stein schon tausend Jahre. Die Zeit der Errichtung dieses Monolithen wird eher am Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit (2000–1800 v. Chr.) datiert. So ist der Gollenstein heute auch als Denkmal für die Entwicklung vom Jäger und Sammler zum Ackerbauer und Viehzüchter zu sehen und erinnert somit an den Beginn der Kultivierung und Gestaltung der heutigen Landschaft.
 
Der Anlass für seine Errichtung hat sicherlich einen religiösen oder kultischen Hintergrund, wie etwa als mythisches Denkmal oder Kunstwerk in Zusammenhang mit Toten- und Ahnenkult. Auch im Mittelalter hatte der Stein eine religiöse Bedeutung, denn es wurde eine kleine gotische Heiligennische in den Fels gemeißelt, auf deren Rückseite das Christusmonogramm zu sehen ist.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde der Gollenstein umgelegt, damit er nicht als Orientierungshilfe von der französischen Artillerie genutzt werden konnte. Dabei ist der Stein in vier große Stücke zerbrochen, die 1951 wieder zusammengefügt und als Ganzes wieder aufgerichtet wurden.

Zur Namensherkunft gibt es mehrere Erklärungsansätze. So bezeichnet im Lateinischen „colus“ einen Spinnrocken, was auf die Spindelform anspielen könnte; im Keltischen bedeutet „Gal“ soviel wie „laut singen“, was auf Feierlichkeiten um den Menhir herum hinweist, oder das Wort stammt vom Gälischen „golon“, was „aufrechter Stein“ bedeutet; auch eine Anlehnung an den biblischen Riesen Goliath wird diskutiert.


Text:
Tanja Kaiser

Foto:
Detlef Reinhard

Weiterführende Literatur:
CAPPEL, Hans (2002): Der Gollenstein. Ein Wahrzeichen unserer Heimat. In: Saarpfalz. Blätter für Geschichte und Volkskunde, 2002/3, S. 5-24.
KOLLING, Alfons (1966): Menhire im Saarland. In: Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Hrsg.): Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Band 5: Saarland. Mainz, S. 122-126.

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Der keltische Ringwall „Hunnenring“ bei Otzenhausen

Im nördlichen Saarland liegt der keltische Ringwall „Hunnenring“ an strategisch günstiger Stelle: in einer Höhe von rund 620 m ü. NN auf einem Sporn des Dollbergs bei Otzenhausen, in der Gemeinde Nonnweiler. Zwischen dem Ringwall und den Hunnen, einem asiatischen Nomadenvolk, bestehen keinerlei Zusammenhänge. Die irreführende Bezeichnung „Hunnenring“ entstand im volkstümlichen Sprachgebrauch womöglich im 19. Jahrhundert aufgrund mangelnder Geschichtskenntnisse der durch die Romantik geprägten Bevölkerung.

Der Ringwall befindet sich am südlichen Rand des einstigen Stammesgebietes der Treverer. Menschliche Spuren reichen bis in die jüngere Steinzeit zurück; seine eigentliche Bedeutung erfuhr diese Stätte jedoch erst mit der Errichtung der keltischen Befestigungsanlage als Schutz vor Germanenhorden und feindlichen Keltenstämmen im 5. Jahrhundert v. Chr., zum Zeitpunkt der Blüte der keltischen Kultur. Aus den Fundstücken konnte der wesentliche Ausbau des Walls auf den Zeitraum zwischen 70 und 60 v. Chr. datiert werden.

Hunnenring  Hunnenring

Caesars Niederschrift „De bello Gallico“ ist eine bedeutende Quelle, die womöglich den Namen des einst hier beheimateten Fürsten aufdeckt. Durch die Erwähnung eines treverischen Herrschers, dessen Name übersetzt etwa „der durch Waffenruhe Große“ bedeutet, kann in Betracht gezogen werden, dass der Ringwall in seiner Hauptbauphase unter dem keltischen Fürsten Indutiomarus entstanden ist.

Die Funktion der Befestigung ist bislang umstritten. Ob es sich um eine Fliehburg, ein Herrschaftszentrum oder ein Oppidum (städtische Besiedlung) handelte, ist nicht belegt. Archäologische Untersuchungen legen nahe, dass die im benachbarten Ort Schwarzenbach gelegenen keltischen Hügelgräber als Bestattungsorte der einst auf dem Dollberg herrschenden Adeligen dienten. Anhand von Münz- und Scherbenfunden lässt sich eine Besiedlung bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. datieren, also bis weit nach der Eroberung durch die Römer. Die spätere Nutzung der Siedlungsstätte ließ sich durch einen gallo-römischen Tempel aus der Zeit des 2./3. Jahrhunderts n. Chr. nachweisen.

Ringwall Grabungen Terrex kleinDie Form des Walls ist der Topographie des Bergsporns angepasst. Die Anlage gliederte sich in Haupt- und Vorburg. In Ost-West-Richtung dehnte sich die Befestigung bis 460 m aus, in Nord-Süd-Richtung 647 m, was unter Einbezug des Vorwallbereichs zu einer Innenfläche von insgesamt rund 18,5 ha führt.

Eine Quelle in der Nordwestecke und Speicherbauten sicherten die Versorgung von Mensch und Vieh während Belagerungszeiten. In der näheren Umgebung der Quelle wurde römische und vorrömische Keramik entdeckt sowie ein Wasserablauf, der unter dem Wall hindurchführte. Der Zugang an der Westflanke wurde durch einen Tordurchlass mit Überbau geschützt. Der besiedelte Spornbereich wurde nach Norden zum flachen Bergrücken stark abgesichert: die Mauerreste von Vor- und Hauptwall erstrecken sich über eine Länge von fast 2,5 km und lassen heute noch bei einer Höhe von 10 m und einer Basisbreite von 40 m die ursprüngliche Ausprägung erahnen. Berechnungen zufolge hatte der Wall im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. eine Höhe und Breite von ca. 20 m.

Das Baumaterial, ca. 230.000 Kubikmeter Gesteinsblöcke, lag in unmittelbarer Umgebung: durch Verwitterungsvorgänge (vor allem durch Frostsprengung) entstanden in den pleistozänen Kaltzeiten am Rande des Hunsrücks zahlreiche ausgedehnte Blockmeere aus Taunusquarzit, sodass die Steine nicht aus den Felsen gebrochen, sondern lediglich aufgesammelt werden mussten. Sie wurden in Murus Gallicus-Technik (mit Steinen befülltes Fachwerk ohne Mörtel) aufgeschichtet, wobei senkrechte Holzpfosten und zwischengelagerte Querhölzer als Stützgerüst fungierten. Wie Eisenschlacken und Holzkohlenreste belegen, die bei Ausgrabungen (1936–1940) gefunden wurden, beherrschten die Kelten auch einfache Techniken der Eisenverhüttung.

Ringwall Slotta kleinRingwall Gem Nonnweiler kleinDas auf Initiative der Gemeinde Nonnweiler gegründete „Projekt Ringwall“ wurde im Jahr 1999 ins Leben gerufen und 2001 von der Terrex gGmbH übernommen. Die gemeinnützig organisierte Forschungsgemeinschaft, deren Name sich aus „Treverorum et romanorum regionis exploratio“ („Erforschung der Region der Treverer und Römer“) zusammensetzt, unterstützt Ausgrabungen keltischer und römischer Bodendenkmäler im Landkreis St. Wendel. Ebenfalls im Jahr 2001 wurde eine 4,2 km lange touristische Route mit Beschilderung auf dem Dollberg erschlossen und 2007 um den Skulpturenweg „Cerda & Celtoi“ und einen Kinder-Erlebnispfad ergänzt. Ferner bietet die Gemeinde Nonnweiler gemeinsam mit der Europäischen Akademie Otzenhausen alljährlich Veranstaltungen mit archäologischer Thematik an.


Text:
Tanja Kaiser (Ergänzung und Aktualisierung: Isabelle Jost)

Fotos:
Landesbildstelle Saarland im Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM), Joachim Lischke (oberes Foto links), Staatskanzlei des Saarlandes (oberes Foto rechts), Delf Slotta (unteres Foto links), Gemeinde Nonnweiler (unteres Foto rechts)

Zeichnung:
Terrex gGmbH, St. Wendel (modifizierte Darstellung)

Weiterführende Literatur:
FRITSCH, Thomas (2004): Der „Hunnenring“ bei Otzenhausen. Ein Führer zu den Zeugnissen aus keltischer und römischer Zeit. Köln. (= Rheinische Kunststätten, Heft 483).
HORNUNG, Sabine (Hrsg.) (2010): Mensch und Umwelt I – Archäologische und naturwissenschaftliche Forschungen zum Wandel der Kulturlandschaft um den „Hunnenring“ bei Otzenhausen, Gem. Nonnweiler, Lkr. St. Wendel. Bonn. (= Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie, Band 192).
PETER, Manfred (2002): Das vergessene Erbe. Der Hunnenring von Otzenhausen vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung. Otzenhausen. (= Hochwälder Hefte zu Heimatgeschichte, 22. Jg., Heft 41).
PETER, Manfred (2009): Indutiomarus. Der Herr des Ringwalls Otzenhausen. Nonnweiler.
SCHINDLER, Reinhard (1965): Der Ringwall von Otzenhausen. Saarbrücken. (= Staatliches Konservatoramt Saarbrücken, Führungsblatt 4).

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Der römische vicus Wareswald bei Tholey

Der römische vicus Wareswald befindet sich am Fuße des Schaumbergs zwischen den Gemarkungen der Gemeinden Tholey, Oberthal und Marpingen. Woher die Bezeichnung Wareswald oder Varuswald kommt, ist bisher umstritten. Das Gebiet um den Schaumberg war in vorchristlicher Zeit (ca. 480–50 v. Chr.) von Treverern und Mediomatrikern besetzt. Mit den römischen Feldzügen Caesars im 1. Jahrhundert v. Chr. kam es zu Durchdringungen der römischen und keltischen Kultur, folglich auch zur Romanisierung der Kelten.

Wareswald 4 IsabelleWareswald 2 IsabelleDie Siedlung entstand im 1. Jahrhundert n. Chr. und erlebte eine wirtschaftliche Blütezeit im 2. Jahrhundert n. Chr., als das Handelsgebiet sich über eine Fläche von etwa 20 Hektar ausgedehnt hatte und sich etwa 1.000 Siedler dort niedergelassen hatten. Nachgewiesene Instandsetzungsmaßnahmen im 4. Jahrhundert waren womöglich mit dem Aufstieg Triers zur kaiserlichen Residenz verbunden. Ende des 4. Jahrhunderts fanden die Siedlungsaktivitäten einen Abbruch und die ehemalige florierende Handelsstätte wurde zur Wüstung. Die gallo-römische Siedlungsstätte war ein wichtiges Zentrum für Handel und Gewerbe in einer mit zahlreichen römischen Gutshöfen erschlossenen Region. Am Kreuzungspunkt der hochfrequentierten römischen Fernverbindungen Metz–Mainz und Straßburg–Trier konnten Händler und Reisende im vicus eine Herberge beziehen und Waren des täglichen Bedarfs erwerben.

Seit Beginn der Ausgrabungen im Jahr 2001 durch die Terrex gGmbH – einer gemeinnützig organisierten Forschungsgemeinschaft, deren Name sich aus „Treverorum et romanorum regionis exploratio“ („Erforschung der Region der Treverer und Römer“) zusammensetzt – wurde in dem bewaldeten Gebiet eine Fläche von 2.500 Quadratmetern archäologisch untersucht. Im ehemaligen Siedlungsbereich konnten unterschiedliche Gebäude und Komplexe gesichert werden. Es handelte sich hierbei sowohl um Gebäude des Handels und Handwerks als auch um repräsentative Gebäude, die aufgrund ihrer Ausstattung mit Badewannen, Fußbodenheizung (hypocaustum) und Wandmalereien auf privilegierte Bewohner schließen lassen.

Wareswald 5 IsabelleWareswald 3 IsabelleZudem konnte ein Tempel freigelegt werden, der sich etwa 200 m südwestlich des eigentlichen Siedlungszentrums befindet. Die Verehrung des Kriegsgottes Mars wurde durch zwei Figuren des jugendlichen Mars belegt. Auch zahlreiche Lanzenspitzen unterstützen die Zuweisung des Tempels an den Kriegsgott. Die Verehrungsstätte wurde wahrscheinlich im 2. Jahrhundert n. Chr. errichtet und im Zuge des Aufstiegs Triers renoviert. Die Grundrisse der Gebäude und Anlagen auf dem Gelände sind noch nicht vollständig erfasst, was die Bautypisierung noch erschwert.

Während der Baumaßnahmen für einen Parkplatz wurden die jüngsten Entdeckungen auf dem Siedlungsgelände gemacht. Die Ausgrabungen von Relieffragmenten, insbesondere eines 40 cm hohen Pinienzapfens, sowie von Figuren mythologischer Szenen konnten einem etwa 10-12 m hohen Pfeilergrabmal zugeordnet werden. Erste Funde im Wareswald wurden bereits 1755 im Lagerbuch der Abtei Tholey festgehalten. Seitdem konnten zahlreiche Relikte wie Bronzefiguren, Lanzenspitzen, Keramik, Werkzeuge, Schmuckstücke oder Glasscherben zutage gefördert werden. Anhand der Münzfunde konnte die Siedlungskontinuität bis um 400 n. Chr. dokumentiert werden.

Für Laien und Schulkassen werden Schnuppergrabungen und Grabungscamps angeboten, die es ermöglichen, selbst neue Spuren zu entdecken und sich anschließend an der Funduntersuchung zu beteiligen. Im Historischen Museum „Theulegium“ in Tholey können Besucher die Exponate aus dem vicus Wareswald begutachten.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Isabelle Jost

Weiterführende Literatur:
GLANSDORP, Eric (2003): Kleiner Führer durch den Wareswald: römischer Vicus Wareswald. Die Ausgrabung zum Mitmachen. Archäologischer Rundweg über die Ausgrabungen. Tholey.
HENZ, Klaus-Peter (2002): Römischer Vicus Wareswald: Ausgrabung Wareswald – Erste Ergebnisse. Saarbrücken.
HENZ, Klaus-Peter (2007-2009): Gallo-römischer Vicus Wareswald: Ergebnisse der Grabungskampagnen seit 2004. In: Heimatbuch des Landkreises St. Wendel, Band 31, 2007-2009, S. 82-88.
Projektkurzinfo „Der römische Vicus Wareswald“
TERREX gGmbH (Hrsg.) (2010): Kelten und Römer im St. Wendeler Land. Die Ausgrabungen der Terrex gGmbH am „Hunnenring“ und im vicus Wareswald. Eine Bestandsaufnahme. Marpingen.

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Das Quellheiligtum Sudelfels in Ihn

Das gallorömische Quellheiligtum von Ihn liegt südlich der Gemarkungsgrenze zu Niedaltdorf in der Gemeinde Wallerfangen, Kreis Saarlouis. Der Kultbezirk am sogenannten Sudelfels zählt zu den bedeutendsten Relikten der gallorömischen Zeit im Saarland. Abseits der Straßen liegt die Stätte an einem beschaulichen und ruhigen Ort. Ein kleiner Pfad führt Besucher zu dem frei zugänglichen Gelände am Hirnberg. Während Bauarbeiten im Jahr 1903 wurden Mauerreste entdeckt, woraufhin das Provinzialmuseum Trier erste Grabungen durchführte. Dabei wurden Reste einer Umfassungsmauer sowie zwei Tempelgrundrisse freigelegt. Systematische Grabungen wurden erst zu Beginn der 1980er-Jahre fortgeführt. Im Zuge der archäologischen Grabung wurde auch der touristischen Erschließung zugestimmt.

Sudelfels 04 JensSudelfels 1 KlausDen Namen „Sudelfels“ verdankt das Quellheiligtum einer großen Kalksinterbildung. Kalksinter entstehen in Wasserläufen an Stellen, an denen u.a. durch Druckentlastung bzw. Entgasung, Verdunstung oder Pflanzen dem Wasser Kohlensäure entzogen wird. Durch die Verringerung der Kohlensäuresättigung kann im Wasser weniger Kalk gelöst werden, was schließlich zu dessen Ausfällung führt, meist an Quellaustritten oder Stufen im Wasserlauf. Der Sudelfels ist das größte Kalksintervorkommen im Saarland. Die mehrere Meter mächtige, poröse Kalkmasse liegt am Talrand des Ihner Baches, die an einem früheren Wasserfall eines Zuflusses ausgeschieden worden ist.

Die ausgedehnte Kalkdecke entstand im Bereich der Wasseraustritte. In der keltischen sowie römischen Kultur war die Verehrung von Quellen und Gewässern tief verankert. Die Tempelanlage wurde infolge der Münzfunde und aufgrund ihrer geographischen Lage auf die ersten Jahrhunderte nach Christus datiert; sie liegt im ehemaligen Siedlungsgebiet der keltischen Treverer, die durch Gaius Julius Caesar romanisiert wurden (ab 52 v. Chr.) und das Quellheiligtum errichteten. Die keltischen Treverer arrangierten sich mit der römischen Kultur, indem sie römische Gottheiten neben den ihren duldeten.

Die in Ihn entdeckten Überreste wurden vom Landkreis Saarlouis wieder aufgebaut und zum Teil rekonstruiert. Das heilige Terrain beherbergte innerhalb des Gemäuers mehrere kleine Gebäude: einen quadratischen, einen rechteckigen und einen achteckigen Bau. Daneben befand sich ein auf sechseckigem Grundriss errichtetes Nymphäum – der Sirona-Brunnen. Unter den zahlreichen Fundstücken entdeckten Archäologen den Torso einer weiblichen Statue, um deren rechten Arm sich eine Schlange windet. Daraus schlussfolgerten Historiker, es handele sich bei der Statue um die keltische Göttin der Fruchtbarkeit und der Quellen – Sirona, die hier vermutlich verehrt wurde. Die Göttin wurde somit als Namensgeberin für den Brunnen ausgewählt. Wie Grabungsfunde mit Inschriften und dargestellten Attributen belegen, wurden neben der Muttergöttin Sirona auch die Gottheiten Apollo, Merkur, Jupiter, Rosmerta (als Begleiterin Merkurs) und Minerva verehrt.

Sudelfels 5 KlausSudelfels 3 KlausDie Tempelanlage verfügte neben den genannten Gebäuden nachweislich über Bade- und Heizanlagen, deren Funktionsweise durch Freilegung und Wiederaufbau erkennbar wurde. In unmittelbarer Nähe der gallorömischen Stätte wurde ein römischer Gutshof entdeckt, der erst entstanden ist, als der eigentliche Tempelbezirk bereits existierte. Nördlich des Quellheiligtums wurden weitere Gebäude ausgegraben, vermutlich dem Gutshof angegliederte Wirtschaftstrakte. Angesichts der flächenmäßigen Ausdehnung des Tempelbezirks ziehen Wissenschaftler in Betracht, dass die Stätte als Heiligtum überregionalen Stellenwert besaß und zu jener Zeit zahlreiche römische Pilger in unsere Region lockte.


Text:
Isabelle Jost

Fotos:
Jens Falk (oberes Foto 1), Klaus Spaniol (übrige Fotos)

Weiterführende Literatur:
AMES-ADLER, Barbara (o.J.): Ihn – Sudelfels: Ein Quellheiligtum aus römischer Zeit. (Hrsg.: Tourismusverband Landkreis Saarlouis). Saarlouis. (Broschüre)
FREIS, Helmut (1999): Das Saarland zur Römerzeit. (= Saarland-Hefte 1). Saarbrücken.
MIRON, Andrei (Hrsg.) (1994): Das gallorömische Quellheiligtum von Ihn (Kreis Saarlouis). (= Bericht der Staatlichen Denkmalpflege im Saarland. Abteilung Bodendenkmalpflege. Beiheft 2). Saarbrücken.
SCHNEIDER, Horst (1991): Saarland. (= Sammlung geologischer Führer, Band 84). Berlin, Stuttgart.

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Der Europäische Kulturpark Bliesbruck-Reinheim

Der Europäische Kulturpark Bliesbruck-Reinheim erstreckt sich von dem im südöstlichen Saarland gelegenen Ort Reinheim, Gemeinde Gersheim, bis zur Gemeinde Bliesbruck im französischen Département Moselle und verkörpert mit seinen grenzüberschreitenden Ausgrabungsstätten symbolhaft und doch konkret erfahrbar den europäischen Gedanken. Bei den bisherigen Ausgrabungen beidseits der Grenze kamen sowohl ein aristokratisches Zentrum der Kelten als auch eine kleine gallo-römische Stadt zum Vorschein. Der Raum Bliesbruck-Reinheim nimmt in diesem Sinne eine Schlüsselstellung für die Erforschung dieser beiden Perioden ein.

Erste archäologische Entdeckungen in Bliesbruck-Reinheim gab es bereits um 1760. Große Aufmerksamkeit wurde der Fundstelle jedoch erst im Jahr 1954 zuteil, als in Reinheim ein keltisches Fürstinnengrab aus der Frühlatènezeit (um 400 v. Chr.) entdeckt wurde. In den 1970er-Jahren rückte die Fundstelle ein weiteres Mal ins öffentliche Interesse, als der Hobbyarchäologe Jean Schaub eine Notgrabung zum Schutz gallo-römischer Zeugnisse veranlasste, da diese von der Zerstörung durch einen Kies abbauenden Betrieb bedroht waren. Es sollten jedoch noch 20 Jahre zähen Ringens um Anerkennung und finanzielle Ausstattung vergehen, bis sich schließlich Forschungsteams und Institutionen auf deutscher und französischer Seite zum Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim zusammenschlossen.

Bliesbruck Staatskanzlei 1 kleinBliesbruck Staatskanzlei 2 kleinIn dem 1989 gegründeten grenzüberschreitenden Kulturpark können Besucher heute die Relikte von 2500 Jahren gemeinsamer Geschichte in Augenschein nehmen. In direkter Nachbarschaft liegt eine rekonstruierte keltische Nekropole (größere Begräbnisstätte mit mehreren Gräbern). Von den drei Tumuli (Hügelgräber) ist das Grab der „Keltenfürstin von Reinheim“ in einem begehbaren Modell nachempfunden. Die Rekonstruktion des Fürstinnengrabes, das vermutlich für eine angesehene Priesterin errichtet wurde, zeigt wertvolle Grabbeigaben wie Goldschmuck, Waffen und die berühmte Reinheimer Kanne – eine Bronzekanne mit einem Dekorpferd am Ausschank. Dem Besucher wird hier ein faszinierender Einblick in die Jenseitsauffassung der Kelten geboten.

Die römische villa rustica (römisches Landgut mit Hauptgebäude und mehreren Wirtschafts- und Nebengebäuden) wurde im 1./2. Jahrhundert n. Chr. erbaut und gliedert sich in Hauptgebäude (80 m x 62 m) und Hofareal (300 m x 135 m). Der rechteckige Mitteltrakt wurde von zwei seitlich anschließenden Flügelbauten flankiert, während der Nordseite des Traktes ein repräsentatives Bassin (40 m x 3 m) vorgelagert war. Eine Mauer umsäumte das Hofareal, das an den Längsseiten von jeweils sechs annähernd gleich großen Bauten begleitet wurde, die als Wirtschaftstrakte fungierten. Hierin waren Stallungen, Werkstätten und Gesindeunterkünfte eingerichtet. Die villa rustica sicherte womöglich den gesamten landwirtschaftlichen Bedarf der im Umland wohnenden Bevölkerung. Das 3. Jahrhundert n. Chr. brachte zunächst eine Blütezeit mit sich, worauf aber schon bald Zerstörungen folgten. Nach dem Wiederaufbau endete die Geschichte der villa rustica im 4. Jahrhundert n. Chr., als die Anlage einem großen Brand zum Opfer fiel.

Bliesbruck Staatskanzlei 3 kleinBliesbruck Slotta kleinDer römische vicus auf französischer Seite war eine großflächig angelegte Siedlung. Wie im vicus Schwarzenacker waren die peripheren Bürgersteige durch ein Portikum (Säulengang) überdacht. Die Kleinstadt war mit großen, öffentlichen Thermen ausgestattet, die sich parallel zur Hauptachse erstreckten. Aus jüngeren archäologischen Grabungen ging hervor, dass sich den Thermen weitere öffentliche Anlagen anschlossen.

Bliesbruck Europaeischer Kulturpark kleinDie Forschung konnte für diesen Standort im Bliestal eine Siedlungskontinuität von der Späten Bronzezeit (12. Jahrhundert v. Chr.) bis zur Spätrömischen Epoche (5. Jahrhundert n. Chr.) nachweisen. Zudem konnte man anhand der Weitläufigkeit der Anlage feststellen, dass es sich um ein Einzugsgebiet im Radius von 5–10 km gehandelt haben muss.

Neben den Anschauungsobjekten auf dem Freigelände dienen Ausstellungs- und Konferenzräume sowie didaktische Einrichtungen für deutsch-französische Schulprogramme dazu, die Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Ziel ist es, dem Besucher die verschiedenen Etappen des archäologischen Forschens von der Ausgrabung bis hin zur Nachbildung der antiken Gebäude nahe zu bringen. Die jährlich stattfindenden Veranstaltungen „Vita Romana“ und das „Keltenfest“ vermitteln anschaulich die römisch-keltische Lebenskultur in antiker Atmosphäre.

Zum Gedenken an Jean Schaub, den Wegbereiter des heutigen Kulturparks, wurde 2005 das „Museum Europäischer Kulturpark“ in „Maison Jean Schaub“ umbenannt. Jean Schaub investierte aus seinem Privatvermögen in das Kulturparkareal, um die gallo-römischen Hinterlassenschaften vor Zerstörung und Überbauung zu retten.


Text:
Frank Ehrmantraut (Ergänzung und Aktualisierung: Isabelle Jost, Juan Manuel Wagner)

Fotos:
Staatskanzlei des Saarlandes (obere Fotos und mittleres Foto links), Delf Slotta (mittleres Foto rechts), Europäischer Kulturpark Bliesbruck-Reinheim (unteres Foto)

Weiterführende Literatur:
BRÜCK, Daniela / SARATEANU-MÜLLER, Florian / PETIT, Jean-Paul (2007): Europäischer Kulturpark / Parc Archéologique Européen Bliesbruck-Reinheim. In: Dörrenbächer, H. Peter / Kühne, Olaf / Wagner, Juan Manuel (Hrsg.): 50 Jahre Saarland im Wandel. Saarbrücken, S. 233-238. (= Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Band 44; zugleich: Saarbrücker Geographische Arbeiten, Band 53).
PETIT, Jean-Paul (2004): Bliesbruck – eine kleine gallorömische Stadt der Mediomatriker. Homburg. (= Saarpfalz. Blätter für Geschichte und Volkskunde. Sonderheft 2004).
SCHAUB, Jean / PETIT, Jean-Paul (1984): Bliesbrücken. Gallo-Römische Siedlung in Lothringen. Herausgegeben unter Mithilfe des französischen Kultusministeriums – Sous-direction de l´Archéologie. Sarreguemines.
SARATEANU-MÜLLER, Florian (2000): Die gallo-römische Villenanlage von Reinheim. Homburg. (= Saarpfalz – Blätter für Geschichte und Volkskunde. Sonderheft 2000).

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Der römische vicus Schwarzenacker

Das südlich der Kreis- und Universitätsstadt Homburg gelegene Römermuseum Schwarzenacker ist ein archäologisches Freilichtmuseum, das eines der wichtigsten Kulturdenkmäler des Saarlandes behütet.

Zur Zeit der wirtschaftlichen Blüte während der „Pax Augusta“, einer über 150-jährigen Friedenszeit, die 27 v. Chr. mit der Herrschaft des römischen Kaisers Augustus begann, führte der Bevölkerungsanstieg zum Wachstum zahlreicher Landstädte als wirtschaftliche und kulturelle Zentren, vor allem in der Nähe großer Fernstraßen.

Schwarzenacker Stadt HOM 1 kleinEtwa 2 km südlich der Kreuzung der römischen Fernwege Trier–Straßburg und Metz–Worms im Bereich des heutigen Homburger Stadtteils Schwarzenacker befand sich ein solcher wohlhabender vicus, dessen Name jedoch nicht überliefert ist. Hier lebten etwa 2000 Einwohner auf einer Siedlungsfläche von 25 ha mit zahlreichen Villen und Höfen. In der Bliesaue mit fruchtbaren Böden gelegen, entwickelte sich die ursprünglich kleine keltische Siedlung in gallo-römischer Zeit zu einem beachtenswerten Handelszentrum mit administrativen Funktionen. Die vorteilhafte Lage des Standorts und die günstigen Agrarbedingungen der Umgebung dürften maßgebliche Faktoren für den raschen Ausbau gewesen sein. Nachweislich war Schwarzenacker von der Bronzezeit (ca. 1100 v. Chr.) bis in die späte Latènezeit (ca. 190 v. Chr. bis um Christi Geburt) bevölkert. Im Frühjahr des Jahres 276 n. Chr. wurde der Ort im keltischen Stammesgebiet der Mediomatriker von Alemannen zerstört. In der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts war die gallo-römische Stätte wieder bewohnt, die Villen und Häuser wurden jedoch nur provisorisch wieder aufgebaut; die Siedlung fiel im weiteren Verlauf wüst.

Schwarzenacker Staatskanzlei kleinSeit dem 16. Jahrhundert ist die antike Stätte in den Quellen belegt. Im 18. Jahrhundert wurden erstmals Grabungserkenntnisse gewonnen und Funde zutage gefördert, was letztendlich zur Plünderung eines römerzeitlichen Gräberfeldes führte. Die Grabbeigaben wurden auf Schloss Karlsberg in Homburg deponiert und gingen in den Wirren der Französischen Revolution verloren. Bedeutende Entdeckungen des 19. Jahrhunderts, ein Kentaurenkopf und ein Schildbuckel mit dem Kopf des Ganymed, wurden dem Historischen Museum Speyer übergeben. Seit den ersten systematischen Ausgrabungen in den 1950er-Jahren sind zahlreiche Relikte zum Vorschein gekommen, die Facetten des politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und religiösen Lebens in der Römerstadt nachzeichnen. Obwohl das eigentliche Zentrum der ursprünglichen Besiedlung durch die Ausdehnung des Ortes Schwarzenacker überbaut wurde, konnte die schachbrettartige Verkehrsvernetzung innerhalb des vicus erschlossen werden. Anhand der nachvollziehbaren Säulenstellungen in Straßennähe wurde in Betracht gezogen, dass es sich hierbei um ein überdachtes Gehsteigsystem handelte. Aus dem Grabungsgelände ist nach und nach ein Freilichtmuseum erwachsen, das dem Besucher aufschlussreiche Einblicke in die römische Kultur gewährt.

Schwarzenacker Stadt HOM 2 kleinSchwarzenacker Kuehne kleinIm nahe gelegenen Edelhaus eines barocken Gutshofes dokumentieren Ausstellungen die Themen Ackerbau, Handwerk, Handel, Alltag und Götterkult. Zahlreiche Funde zeugen von einem blühenden Handel und Gewerbe in der Stadt, so sind zwei Töpfereien, eine Eisenschmiede, Weber und Färber, Fuhrleute, eine Schänke und das Wirken eines Arztes nachgewiesen. Ferner bezeugen die Fundstücke den Götterkult, der unter der gallo-römischen Bevölkerung eine bedeutende Rolle spielte. Im Mittelpunkt standen Merkur (Götterbote und Gott der Händler), seine Begleiterin Rosmerta, Victoria (Göttin des Sieges und des Erfolgs), Apollo (Gott der Künste und Musen) und Neptun (Gott des Wassers und des Meeres).

Im Außenbereich sind Häuserfassaden, Straßenzüge, Abwasserkanäle und die überdachten Gehsteige anschaulich rekonstruiert worden. Besonders beachtenswert ist das „Haus des Augenarztes“ mit seiner Ausstattung sowie das „Säulenkellerhaus“, das seinen Namen dem großartigen Keller mit fünf Säulen verdankt. Auch die eindrucksvolle Funktionsweise eines Hypokaustums, einer Unterbodenheizung, wird zur Schau gestellt.


Text:
Tanja Kaiser (Ergänzung und Aktualisierung: Isabelle Jost)

Fotos:
Stadt Homburg (oberes Foto und unteres Foto links), Staatskanzlei des Saarlandes (mittleres Foto), Olaf Kühne (unteres Foto rechts)

Weiterführende Literatur:
BERTEMES, F. / MIRON, A. / PETIT, J.-P.(1988): Saar-Pfalz-Kreis. (bearbeitet vom Staatlichen Konservatoramt des Saarlandes. Abteilung Bodendenkmalpflege; herausgegeben vom Nordwestdeutschen und vom West- und Süddeutschen Verband für Altertumsforschung sowie vom Saar-Pfalz-Kreis). Stuttgart. (= Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland, Band 18).
KELL, Klaus (1990): Führer durch das Freilichtmuseum Römerhaus Schwarzenacker in Homburg-Saar. Homburg.
KOLLING, Alfons (1971): Funde aus der Römerstadt Schwarzenacker und ihrer nahen Umgebung. Bilder und Texte. Homburg.
KOLLING, Alfons (1993): Die Römerstadt in Homburg-Schwarzenacker. Homburg.

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Die römische Villa Nennig und ihr Mosaik

Auf einer leicht hervorspringenden Terrasse am Steilhang der Mosel bei Nennig, von der aus man sicherlich zur Römerzeit einen weit schweifenden Blick über das Farbenspiel der Flusslandschaft werfen konnte, thronte einst ein Römerpalast, der sich mit seiner aufwendigen Gartengestaltung und Farbenpracht harmonisch in die Landschaft einfügte. Bis heute gibt es keine eindeutigen Hinweise auf die eigentliche Entstehungszeit. Durch Münzfunde und die verwendeten Materialien ließ sich der Baubeginn auf die frührömische Zeit einschränken. Weitere Ausgrabungen deuten darauf hin, dass an selbiger Stelle bereits ein Vorgängerbau existierte und der Ort schon vor der Zeitenwende besiedelt war.

Jüngeren Erkenntnissen zufolge handelte es sich bei der Villa Nennig um eine Axialvilla (Villa mit achsensymmetrischer Anordnung), die sich in ein repräsentatives, vornehmlich Wohnzwecken dienendes herrschaftliches Anwesen (villa urbana) und einen Ökonomiebereich (pars rustica) gliederte.

Die villa urbana (großzügig angelegtes römisches Landhaus) mit ihrer weit ausladenden, rund 140 Meter langen Säulenfront des zweigeschossigen Mitteltraktes und den dreigeschossigen Seitenflügeln erstreckte sich über eine Gesamtlänge von 600 Meter. Den seitlichen Abschluss der symmetrischen Portikusvilla bildeten zwei tempelartige Nebengebäude. An diese schlossen sich 250 Meter lange Wandelhallen an. Der südwestliche Hallengang mündete in einem herrschaftlichen Badehaus. Als würdiger Bestattungsort diente der als „Mahlknopf“ bezeichnete, 10 Meter hohe und 44,5 Meter breite Grabhügel (tumulus), der auch heute noch aus der Ferne sichtbar ist und sich etwa 500 Meter von der villa urbana entfernt befindet.

19 Mosaik NennigMosaik Nennig Slotta kleinObwohl von diesem äußerst beeindruckenden Palast an der römischen Handelsstraße Metz-Trier nur noch Reste der Grundmauern zu finden sind, hat das berühmte Mosaik der repräsentativen Empfangshalle bis heute fast vollständig überdauert. Im frühen Mittelalter wurde vermutlich ein kleinerer Bereich der Villa als Mausoleum genutzt. 1852 entdeckte ein Landwirt Mosaiksteine in der Nähe der Pfarrkirche. Der Fund wurde umgehend dem Domkapitular von Wilmowsky gemeldet, der systematische Untersuchungen einleitete. Schon im darauffolgenden Jahr wurden Grabungen angestellt und das Fußbodenmosaik freigelegt. 1866 wurden Ausgrabungsarbeiten der Palastanlage aufgenommen, die bis ins Jahr 1876 andauerten.

Mit seiner Fläche von etwa 160 Quadratmetern ist der Steinteppich von Nennig das größte und eindrucksvollste Zeugnis gallo-römischer Mosaikkunst nördlich der Alpen. Das Keramikmuster schließt ein Marmorbassin ein und ist streng geometrisch aufgebaut. Ein bandartiger Rahmen in schwarzweißem Dreiecksdekor vermittelt den Eindruck, das eigentliche Mosaik ruhe als Teppich auf einem Fliesenboden. In ein symmetrisches Netz von Flechtbändern und Rautenpaaren sind Quadrate mit Rosetten, ein quadratisches Bild sowie acht Medaillons eingearbeitet, die figürliche Szenen aus dem Amphitheater zur Schau tragen: kämpfende Gladiatoren, Fechter im Netzkampf, Löwe mit Wärter, Tiger und Wildesel, Pantherbezwinger, Musiker an der Wasserorgel und ein Hornbläser. Das fehlende, vermutlich bereits in antiker Zeit herausgebrochene Medaillon im Westen wurde durch ein Schriftfeld mit Hinweisen auf Entdeckungs- und Restaurierungsdaten ersetzt. Geschichten um Fälschungen seitens der Wissenschaftler machen das Geheimnis um den einstigen Palast nur noch interessanter.

Villa Nennig Slotta 1 kleinVilla Nennig Slotta 2 kleinNach Kriegsbeeinträchtigungen und nachfolgenden Wasserschäden mussten umfassende Sanierungsarbeiten durchgeführt werden, um Verlusten des Mosaiks entgegenzuwirken. 1960/61 wurde der wertvolle Bodendekor durch das Landesmuseum Trier restauriert. Daran schlossen sich die museale Ausgestaltung, die Renovierung des Schutzhauses, der Neubau der Eingangshalle sowie die Ausbesserung der Gartenanlagen an. Um das Schutzhaus verteilen sich die Fundamentreste der Villa. Die Ausgrabungen in der weitläufigen Gartenanlage sind heute frei zugänglich und touristisch erschlossen.


Text:
Tanja Kaiser (Ergänzung und Aktualisierung: Isabelle Jost)

Foto:
Landesbildstelle Saarland im Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM), Joachim Lischke (oberes Foto links), Delf Slotta (oberes Foto rechts und untere Fotos)

Weiterführende Literatur:
BERTEMES, François / ECHT, Rudolf (1992): Nennig – Die römische Villa. In: Lichardus, Jan / Miron, Andrei: Der Kreis Merzig-Wadern und die Mosel zwischen Nennig und Metz. Stuttgart, S. 135-147. (= Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland, Band 24).
SCHINDLER, Reinhard (1962): Das römische Mosaik von Nennig. Saarbrücken. (= Staatliches Konservatoramt Saarbrücken, Führungsblatt 1).
SCHINDLER, Reinhard (1975): Die römische Villa von Nennig und ihr Mosaik. In: Böhner, K. / Haffner, A. / Herrmann, H.-W. et al.: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern. Band 5: Saarland. (Hrsg.: Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz). 2. Auflage, Mainz, S. 185-188.
STEINER, Paul (1955): Die römische Villa von Nennig an der Mosel. Saarbrücken. (Nachdruck des Führungsblattes Nr. 7 des Landesmuseums Trier).

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Die römische Villa Borg

Die Villa Borg befindet sich zwischen den Dörfern Borg und Oberleuken in der Gemeinde Perl und zählt zu den bekanntesten und größten römischen Villenanlagen im Saar-Mosel-Raum. Sie war ein Großgehöft in der Organisationsform einer villa rustica (römisches Landgut mit Hauptgebäude und mehreren Wirtschafts- und Nebengebäuden).

Die Geschichte der landwirtschaftlichen Siedlungsstätte begann in der späten Latènezeit und reicht somit mindestens bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. zurück. Das Gehöft, das schon in seiner keltischen Frühphase im Besitz einflussreicher und wohlhabender Agrarproduzenten gewesen sein dürfte, überdauerte rund 500 Jahre. Seine Bauhistorie reflektiert folglich bedeutende geschichtliche Ereignisse, wie die Eroberung Galliens durch Julius Caesar (57–53 v. Chr.), die „Romanisierung“ der Kelten, den Aufstieg Triers (Augusta Treverorum) im Römischen Reich und den Zerfall der römischen Herrschaft zur Zeit der Völkerwanderungen.

Villa Borg 1 Slotta kleinVilla Borg 2 Slotta kleinAuf spätkeltische Holzpfostenhäuser folgten zunächst frührömische Fachwerkbauten und ab dem späten 1. Jahrhundert n. Chr. wurde Stein als Baumaterial für größere und repräsentativere Gebäude verwendet, die bis zum Wüstfallen der Siedlung um 400 n. Chr. mehrfach renoviert, ergänzt, umgebaut und zum Teil auch umgenutzt wurden. Die frühen Holzbauten konnten die Archäologen anhand von Erdverfärbungen unter den Steingebäuden nachweisen.

Bereits um 1900 wurde der römische Ursprung der unter Wald erhalten gebliebenen Überreste der Villa festgestellt. 1987 wurde mit systematischen Ausgrabungen in Teilbereichen des ehemaligen Siedlungsareals begonnen. Die Untersuchungsergebnisse führten 1994 zu dem Beschluss, den herrschaftlichen Wohnbereich der villa rustica nach den Grabungsbefunden und dem damaligen Stand der Forschung über die römische Villenarchitektur so zu rekonstruieren, wie er zur Blütezeit der Villa Borg um 200 n. Chr. ausgesehen haben könnte.

Villa Borg 3 Slotta kleinDie Villenanlage erstreckte sich über eine Gesamtfläche von rund 7,5 ha. An den ca. 1,8 ha messenden herrschaftlichen Wohnteil des Gehöftes (pars urbana) schloss sich, durch eine Mauer und ein mächtiges Torhaus getrennt, der knapp 6 ha große Wirtschaftsteil (pars rustica) an, der ebenfalls von einer Mauer eingefasst war. An die Umfassungsmauer waren außen weitere Gebäude angebaut. Quer zur Hauptachse der pars urbana liegt das zu Repräsentations- und Wohnzwecken genutzte Herrenhaus mit großzügigem Empfangssaal. Es bildet den Mitteltrakt eines dreiflügeligen Gebäudekomplexes. Die flankierenden Flügelbauten fügen sich zu einem Bade- und Küchentrakt (links des Herrenhauses) und einem Wohn- und Wirtschaftstrakt (auf der rechten Seite) zusammen. Zwischen den Seitenflügeln befindet sich heute ein von einer Holzbrücke überspanntes, fast 30 m langes Bassin mit Brunnenskulpturen. Aus dem großzügigen Freiraum innerhalb der pars urbana lässt sich schließen, dass die Villa über eine ausgedehnte Gartenanlage verfügt haben muss.

Villa Borg 4 Slotta kleinVilla Borg 5 Slotta kleinVilla Borg 6 Slotta kleinDer „Archäologiepark Römische Villa Borg“ ist durch die Rekonstruktionen und die gärtnerische Gestaltung im römischen Stil zu einem Freilichtmuseum der besonderen Art geworden. Das archäologische Museum im Herrenhaus zeigt vorwiegend originale Exponate; neben diesen bezeugen antiken Vorlagen nachempfundene Möbel die römische Alltagswelt und spiegeln den Zeitgeist privilegierter Römer wider. In einem Teil des Wohn- und Wirtschaftstrakts werden Informationen multimedial präsentiert. Der gegenüberliegende Gebäudetrakt beherbergt neben dem Villenbad auch eine Taverne, die römische Spezialitäten serviert, und eine funktionsfähig rekonstruierte „Römische Küche“, in der unter anderem Backvorführungen stattfinden. Darüber hinaus wird die Villa auch für Tagungen und Kongresse sowie als Schauplatz der „Römertage“ genutzt, an denen Legionäre, Gladiatoren, Händler und Handwerker einmal im Jahr die Besucher in die Welt der Antike zurückversetzen.


Text:
Isabelle Jost, Juan Manuel Wagner

Fotos:
Delf Slotta

Weiterführende Literatur:
ADLER, Wolfgang (2008): Die römische Villa Borg (Saarland). Saarbrücken. (Klappkarte [Fiche] zum internationalen „Tag des offenen Denkmals“ 2008). Datei zum Download (PDF)
BIRKENHAGEN, Bettina (2012): Die römische Villa Borg – Ein Begleiter durch die Anlage. 2. Auflage, Merzig. (= Schriften des Archäologieparks Römische Villa Borg, Heft 1)
KULTURSTIFTUNG MERZIG-WADERN (2011) (Hrsg.): Archäologiepark Römische Villa Borg. (ohne Erscheinungsort). (Faltblatt). Datei zum Download (PDF)

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